Jedes Unternehmen investiert viel Zeit in die Entwicklung seiner Strategie. Man zieht sich zur Strategieklausur zurück, hält Workshops ab und formuliert Ziele. Aber Monate später kämpft man wieder mit dem Problem, dass die zuvor mühsam ausgehandelten Ziele unterschiedlich interpretiert und gelebt werden.
Ein Geschäftsführer sagte mal zu mir: „Nach jedem Workshop sterben wir wieder in Beliebigkeit.„
Problem
Die Ursache liegt in unserer Neurophysiologie
In Strategie-Workshops fallen immer ähnliche Begriffe wie Wachstum, Innovation, Kundennähe, Digitalisierung oder Marktführerschaft. Diese Begriffe wirken nur auf den ersten Blick eindeutig.
Fragt man zehn Führungskräfte, was genau sie darunter verstehen, erhält man zehn unterschiedliche Antworten.
Die Ursache liegt in der Art und Weise, wie wir Menschen Informationen verarbeiten und daraus Bedeutung konstruieren: wie wir denken.
Unterschiedliche mentale Modelle
Jeder von uns entwickelt im Laufe seiner Erfahrungen eigene innere Vorstellungen (= mentale Modelle) darüber, wie die Welt funktioniert.
Diese inneren mentalen Modelle oder auch Landkarten helfen uns dabei, Entscheidungen zu treffen, Zusammenhänge zu erkennen und zukünftige Entwicklungen einzuschätzen (Johnson-Laird, 1983; Senge, 1990).
Die Herausforderung beginnt dort, wo Menschen glauben, dieselbe innere Landkarte zu besitzen, obwohl sie in Wirklichkeit unterschiedliche Bilder im Kopf haben.
Beispiele
Das ganze Leben, vom Säugling bis ins hohe Alter wird unser Denken geformt, abhängig von den Erfahrungen, die wir machen und den Menschen, mit denen wir uns umgeben.
Sobald wir mit einer neuen Information konfrontiert werden, versuchen wir die neuen Inhalte mit alten bekannten Mustern abzugleichen und zu interpretieren.
Das Wort Urlaub, zum Beispiel, generiert bei jedem von uns andere „innere Modelle“, wie der optimale Urlaub auszusehen hat.
Ein Förster wird bei dem Wort „Wald“ andere Assoziationen haben als ein Stadtmensch. Ein Landwirt sieht das „Maisfeld“ anders als eine Schrebergärtner.
Daher ist oft auch ein gemeinsamer Konsens so schwierig, da wir aus unterschiedlichen Sozialisierungen kommen, die unsere Denken unbewusst bestimmen und auch limitieren.
Unterschiedliche mentale Modelle erschweren die Strategiearbeit
Eine Vision ist letztlich nichts anderes als eine Vorstellung der gewünschten Zukunft und die Strategie beschreibt den Weges dorthin.
Doch diese Vorstellung bleibt häufig abstrakt: Texte, Präsentationsfolien und Leitbilder können zwar vieles beschreiben, aber sie erzeugen nicht automatisch dieselben Bilder im Kopf aller Beteiligten.
Obwohl Menschen dieselben Worte lesen, entstehen unterschiedliche Bedeutungsinterpretationen, weil sie auf unterschiedliche Erfahrungen, Annahmen und Wissensstrukturen zurückgreifen.
Die Forschung zu mentalen Modellen und organisationalem Lernen zeigt, dass genau diese Unterschiede die Abstimmung und Umsetzung gemeinsamer Ziele erschweren können (Argyris & Schön, 1978; Senge, 1990).
Beispiel
Visionsbild für DAX-Konzern
Leitidee
Die digitale Agenda wird in diesen drei strategischen Themenfeldern ausgearbeitet.




Zweck
Die digitale Agenda nach mehreren Versuchen endlich verstehbar zu machen.
Vorgehen
Visionsworkshop zur Abklärung der Inhalte und schrittweise Erweiterung der Skizzen.
Laufend interne Abstimmung mit dem Team.
Wirkung
Statt 50 PowerPoint-Folien reicht ein Bild, um die Agenda zu erklären.
Lösung
„Shared Understanding“ als eigentliche Führungsaufgabe
Wirksame Strategiearbeit bedeutet deshalb nicht nur, eine gute Strategie zu entwickeln. Sie bedeutet vor allem, ein gemeinsames Verständnis der Inhalte zu schaffen.
In der Organisationsforschung wird dies als Shared Understanding oder Shared Mental Models beschrieben. Gemeint ist ein gemeinsames Verständnis von Zielen, Zusammenhängen und Handlungslogiken innerhalb eines Teams oder einer Organisation (Cannon-Bowers, Salas & Converse, 1993; Mohammed, Ferzandi & Hamilton, 2010).
Erst wenn Führungskräfte und Mitarbeitende dieselben Zusammenhänge erkennen, dieselben Prioritäten verstehen und dieselbe Zukunft vor Augen haben, entsteht Orientierung und Ausrichtung auf ein gemeinsames Ziel.
Die positive Folge: Abteilungen arbeiten eher miteinander statt nebeneinander, Entscheidungen werden konsistenter und Veränderungen müssen nicht ständig neu erklärt werden.
Ein gemeinsames Strategieverständnis reduziert wahrgenommene Komplexität, weil Menschen eine ähnliche mentale Landkarte nutzen.
Wenn alle unter Kundenorientierung das gleiche Vorgehen verstehen, wird der Maßnahmenkatalog für die Erreichung der Kundenorientierung deutlich kleiner und weniger komplex.
Warum Visualisierung dabei eine besondere Rolle spielt
Der Mensch denkt nicht ausschließlich in Worten, sondern verarbeitet Informationen über unterschiedliche kognitive Kanäle. Bilder, räumliche Beziehungen und visuelle Muster spielen dabei eine wichtige Rolle (Paivio, 1986).
Deshalb kann eine gut entwickelte strategische Visualisierung etwas leisten, was umfangreiche Dokumente oft nicht schaffen: Sie macht sichtbar, wie die einzelnen Elemente einer Strategie zusammenhängen.
- Wo liegen die Prioritäten?
- Welche Ziele beeinflussen sich gegenseitig?
- Welche Annahmen stehen hinter den Entscheidungen?
- Worauf kommt es wirklich an?
Eine Visualisierung ersetzt dabei keine Strategie, aber sie macht die Strategie verständlicher.
Forschung aus der Informations- und Kognitionswissenschaft zeigt, dass Visualisierungen helfen können, komplexe Zusammenhänge schneller zu erfassen, gemeinsame Diskussionen zu strukturieren und kollektives Verständnis zu fördern (Ware, 2021; Eppler & Burkhard, 2007).
Die bildliche Darstellung schafft einen gemeinsamen und vor allem sichtbaren Denkraum und damit einen Ort, an dem Menschen ihre unterschiedlichen Perspektiven miteinander abgleichen können.
Der besser Weg: Sichtbar machen, statt immer wieder erklären
In vielen Organisationen wird versucht, Strategien immer wieder mit Worten zu erklären. Doch die bessere Lösung liegt darin, sie sichtbar zu machen. Denn worüber Menschen gemeinsam sprechen sollen, müssen sie zunächst gemeinsam sehen können.

Missverständnisse werden dadurch erkennbar. Annahmen lassen sich sehen und diskutieren, Zusammenhänge werden deutlich. Aus individuellen Vorstellungen entsteht auf diesem Wege Schritt für Schritt ein gemeinsames Bild.
Visualisierungen fungieren dabei als sogenannte „Boundary Objects“ – gemeinsame Bezugspunkte, die Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund nutzen können, um ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln (Star & Griesemer, 1989).
Fazit
Viele Strategieprozesse konzentrieren sich auf die Frage: „Was ist die richtige Strategie?“
Mindestens ebenso wichtig ist jedoch eine andere Frage: „Verstehen wir die Strategie auf dieselbe Weise?“
Erst wenn aus vielen individuellen Vorstellungen ein gemeinsames Bild entsteht, kann Strategie ihre Wirkung entfalten. Deshalb beginnt erfolgreiche Umsetzung nicht bei Maßnahmenplänen oder Kennzahlen: Sie beginnt mit einem gemeinsamen Strategieverständnis.
Und genau dieses gemeinsame Verständnis im Bild „sichtbar“ zu machen, ist oft der entscheidende Schritt zwischen einer Strategie auf dem Papier und einer Strategie, die tatsächlich gelebt wird.
Literaturverzeichnis
Argyris, C. & Schön, D. A. (1978). Organizational Learning: A Theory of Action Perspective. Reading, MA: Addison-Wesley.
Cannon-Bowers, J. A., Salas, E. & Converse, S. (1993). Shared Mental Models in Expert Team Decision Making. In N. J. Castellan (Hrsg.), Individual and Group Decision Making (S. 221-246). Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum.
Eppler, M. J. & Burkhard, R. A. (2007). Visual Representations in Knowledge Management: Framework and Cases. Journal of Knowledge Management, 11(4), 112-122.
Johnson-Laird, P. N. (1983). Mental Models: Towards a Cognitive Science of Language, Inference, and Consciousness. Cambridge, MA: Harvard University Press.
Mohammed, S., Ferzandi, L. & Hamilton, K. (2010). Metaphor No More: A 15-Year Review of the Team Mental Model Construct. Journal of Management, 36(4), 876-910.
Paivio, A. (1986). Mental Representations: A Dual Coding Approach. Oxford University Press.
Senge, P. M. (1990). The Fifth Discipline: The Art and Practice of the Learning Organization. New York: Doubleday.
Star, S. L. & Griesemer, J. R. (1989). Institutional Ecology, ‚Translations‘ and Boundary Objects. Social Studies of Science, 19(3), 387-420.
Ware, C. (2021). Information Visualization: Perception for Design (4th Edition). Burlington, MA: Morgan Kaufmann.
Strategische Visualisierung in der Unternehmens-Führung (White Paper)
Eine Strategie in Textform reicht nicht: Warum Führung ein gemeinsames Bild braucht und was die wissenschaftlichen Hintergründe dafür sind.
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Eine Vision muss als Geschichte in Wort und Bild erzählt werden muss. Damit Führungskräfte ihre Strategie nicht nur formulieren, sondern als gemeinsames und verständliches Zukunftsbild vermitteln.
12 Erfahrungswerte für ein gutes Visions-/Strategiebild und seine Kommunikation
Ein Rückblick aus 15 Jahren der Erstellung von Visionsbildern mit meinen persönlichen Erkenntnissen zu Erfolg und Misserfolg.
Was ist ein Dialogbild, Prozessbild, Wertebild, Big Picture, Zielbild, Leitbild, Visionsbild, Zukunftsbild, Strategiebild, Transformationsbild?
So viele Begriffe und immer ist es ein Bild. Doch was ist was? Wo liegen die Unterschiede? Eine kurze Erklärung.
