Autor des Beitrags
Dr. Wolfgang Irber – Strategische Visualisierung
Seit 2010 unterstütze ich Unternehmen bei der Visualisierung ihrer Visionen und Strategien.
Unter dem Link unten finden Sie mehr Informationen zu meiner Arbeitsweise bei Strategiebildern, zu Ablauf, Kosten, Dauer und Nutzbarkeit mit vielen Beispielen:
Viele Strategien leiden darunter, dass sie nach der Präsentation aus dem Blick und in Vergessenheit geraten. Wenige Monate später erinnern sich viele Mitarbeiter nur noch bruchstückhaft daran. Die Strategie existiert zwar weiterhin auf Folien und im Intranet, spielt im Alltag aber kaum noch eine Rolle.
Deshalb fasziniert mich dieses Projekt bis heute ganz besonders.
2015 entstand daraus zunächst eine einzelne Visualisierung. Inzwischen begleitet dieselbe Bildwelt die Organisation seit mehr als einem Jahrzehnt. Die Strategie hat sich mehrfach weiterentwickelt, neue Ziele sind hinzugekommen und neue Märkte entstanden. Doch die gemeinsame Geschichte im Strategiebild blieb erhalten.
Für mich ist dieses Projekt eines der anschaulichsten Beispiele dafür, was eine gute Strategievisualisierung leisten kann.
Das erste Bild
Die Suche nach dem großen Ganzen
Anders als bei einem klassischen Graphic Recording sollte am Ende dieser mehrtägigen Konferenz 2015 jedoch nicht die Veranstaltung dokumentiert werden.
Gesucht wurde ein Bild, das die wichtigsten Erkenntnisse, Ziele und Herausforderungen in einer gemeinsamen Geschichte zusammenführt, um es am Ende zu präsentieren.
Mein Vorgehen
Während der Veranstaltung hörte ich aufmerksam zu, sprach mit Teilnehmern und sammelte Eindrücke. Ich wollte verstehen, welche Bilder die Menschen verwendeten, welche Hoffnungen und Herausforderungen sie beschäftigten und welche Grundstimmung hinter den Diskussionen lag.
Mit der Zeit entstand in meinem Kopf eine übergreifende Metapher von Erfolg und Scheitern, Veränderung und Wachstum, Herausforderungen und Chancen.

Das Ergebnis
Am Ende entstand eine visuelle Landschaft, in der die strategischen Ziele, Herausforderungen und Erfahrungen der vergangenen Tage miteinander verbunden wurden.
Viele kleine Details griffen Aussagen und Erlebnisse auf, die nur die Teilnehmer verstehen konnten. Darunter befand sich auch ein Eisbär mit blauem Eimer auf dem Kopf.
Damals war das lediglich ein humorvolles Detail aus einem der vielen Workshops. Niemand konnte ahnen, dass dieser Eisbär viele Jahre später noch eine Rolle spielen würde.


Das zweite Bild
Die Geschichte wird fortgeschrieben
Zwei Jahre später erhielt ich einen zweiten Anruf. Die Verantwortlichen berichteten mir, dass das Bild noch immer präsent sei und es damals einen großen Eindruck hinterlassen hatte.
Es hing an Wänden, tauchte in Präsentationen auf, wurde als Kalender genutzt und diente immer wieder als Gesprächsgrundlage. Vor allem aber hatten die Menschen begonnen, ihre eigene Entwicklung darin wiederzufinden.
Die Strategie wächst, wie auch das Bild
Inzwischen waren erste strategische Ziele erreicht worden. Neue Herausforderungen waren hinzugekommen. Die Organisation hatte sich verändert. Anstatt jedoch eine völlig neue Kommunikationskampagne zu starten, wollte man die bestehende Geschichte weiterschreiben.

Die Stärke einer guten Metapher
Genau darin liegt aus meiner Sicht eine der größten Stärken guter Strategie-Metaphern.
Sie müssen nicht bei jeder Veränderung ersetzt werden. Wenn sie tragfähig genug angelegt sind, können sie wachsen.
Gemeinsam entwickelten wir daher das Strategiebild weiter. Aus der ursprünglichen Visualisierung entwickelte sich eine neue, fast zweieinhalb Meter breite Visualisierung, die Erfolge sichtbar machte und gleichzeitig Raum für die nächsten Entwicklungsschritte schuf. Die zugrunde liegende Geschichte blieb dieselbe.
Nur ihr nächstes Kapitel kam hinzu.
Meine erste Keynote
Zusätzlich wurde ich gebeten, die Geschichte zu präsentieren.
Dabei zeigte ich das Gesamtbild zunächst bewusst nicht im Ganzen. Stattdessen führte ich die Zuhörer Schritt für Schritt durch einzelne Ausschnitte und erzählte anhand der Bildwelt, welche Entwicklungen die Organisation seit dem ersten Bild durchlaufen hatte. Erst am Ende enthüllte ich die gesamte Visualisierung, auf Papier und ausgerollt auf 2,5 m.
Mit einer so positiven Resonanz hatte ich nicht gerechnet. In diesem Moment merkte ich, dass die Geschichte die Menschen wirklich erreicht hatte.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Kellner, der nach dem Vortrag zu mir kam und sagte:
„Ich höre hier viele Vorträge. Aber das war wirklich mal etwas Kreatives.“
Was mich daran gefreut hat: Offenbar war es gelungen, Strategie nicht nur verständlich, sondern erlebbar zu machen.

Das dritte Bild
Aus einer europäischen Perspektive wird eine globale Geschichte
2021 klingelte erneut das Telefon. Die Strategie hatte sich weiterentwickelt. Aus regionalen Ambitionen war inzwischen eine globale Erfolgsgeschichte geworden. Neue Märkte, neue Kontinente und neue Ziele kamen hinzu.
Wieder stellte sich die Frage: Wie lassen sich Veränderungen sichtbar machen, ohne die gemeinsame Geschichte zu verlieren? Genau hier zeigte sich die eigentliche Stärke der ursprünglichen Metapher.
Eine gute Metapher lässt das Strategiebild wachsen
Sie war groß genug, um neue Entwicklungen aufzunehmen. Die Geschichte musste nicht neu erfunden werden. Sie konnte weiterwachsen. Das ursprünglich regionale Bild wurde zu einem globalen Bild, aber ohne die alten Bilder zu vergessen.
Für mich war das die wichtigste Erkenntnis des gesamten Projekts: Gute Strategievisualisierungen erklären nicht nur den aktuellen Zustand einer Organisation. Sie schaffen einen Rahmen, in den sich zukünftige Entwicklungen einordnen lassen.


Was kann man aus diesem Projekt lernen?
Als Unternehmen
Strategien ändern sich. Die gemeinsame Geschichte kann bleiben.
Viele Unternehmen kommunizieren ihre Strategie in regelmäßigen Abständen neu. Neue Präsentationen entstehen. Neue Begriffe werden eingeführt. Neue Leitbilder formuliert.
Das kann sinnvoll sein.
Gleichzeitig geht dabei oft etwas verloren: die Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Menschen wollen verstehen, woher sie kommen, was sie gemeinsam erreicht haben und warum der nächste Schritt sinnvoll ist.
Genau dabei helfen starke visuelle Metaphern. Sie schaffen Kontinuität in einer Zeit permanenter Veränderung.
Statt alle paar Jahre eine neue Geschichte erzählen zu müssen, können Organisationen die bestehende Geschichte fortschreiben.
Als Führungskraft
Menschen erinnern sich an Geschichten
Wenn ich heute über Strategiebilder spreche, denke ich oft an dieses Projekt zurück. Nicht weil die Zeichnungen besonders schön waren.
Sondern weil sie eine Funktion erfüllt haben, die viele Kommunikationsmaßnahmen nicht erreichen:
Sie wurden Teil der Unternehmenskultur.
Mitarbeiter erkannten ihre Erfolge darin wieder. Führungskräfte nutzten die Bilder, um Entwicklungen zu erläutern.
Einzelne Figuren und Symbole bekamen mit der Zeit eine Bedeutung, die weit über meine ursprüngliche Absicht hinausging.
Selbst der kleine Eisbär tauchte immer wieder auf. Inzwischen ohne Eimer. Dafür voller Tatendrang.
Das zeigt etwas Wichtiges:
Menschen erinnern sich selten an Strategiepapiere. Sie erinnern sich an Geschichten. Und sie erinnern sich an Bilder, in denen sie ihren eigenen Platz finden.

Als Visualisierer
Der Erfolg eines Strategiebildes zeigt sich in der Weiterentwicklung
Immer wieder empfinde ich es als großes Privileg, wenn ein Kunde viele Jahre später anruft und sagt:
„Die Geschichte funktioniert noch. Lass sie uns weitererzählen.“
Für mich ist das wahrscheinlich die höchste Auszeichnung, die ein Strategiebild erhalten kann.
Denn dann ist aus einer Zeichnung etwas Größeres geworden:
Ein gemeinsames Bild davon, wo eine Organisation herkommt, was sie bereits erreicht hat und wohin die Reise als Nächstes geht.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe erfolgreicher Strategiekommunikation: nicht immer neue Geschichten zu erfinden, sondern eine Geschichte zu schaffen, die über viele Jahre hinweg Orientierung gibt.

