Kategorien
Visions-Visualisierung

Warum Top‑Down‑Visionen scheitern, und nur mit dem Team echte Zukunftsbilder entstehen

Die meisten Visionen scheitern nicht an der Idee. Sie scheitern daran, dass sie niemand wirklich akzeptiert. Sie hängen in Fluren, stehen auf Webseiten und tauchen in Präsentationen auf.

Aber im Alltag spielen sie keine Rolle.

Und das hat einen einfachen Grund: Visionen werden häufig „top-down“ für die Belegschaft formuliert – aber nicht mit ihnen. Doch was passiert, wenn man das Prinzip umdreht?

Ein Perspektivwechsel, der alles verändert

In einem Projekt, das ich visuell begleitete, stand genau diese Frage im Raum:

Wie entsteht eine Vision, die nicht nur verstanden wird, sondern den Alltag verändert?

Normalerweise hätte es diesen klassischen Ablauf gegeben: Workshop mit Führungskräften → Leitbild formulieren → kommunizieren.

Stattdessen wurde der Prozess vom CEO geöffnet: Die Vision sollte von innen entstehen, das Team spielte die Hauptrolle. Bottom‑up – nicht Top‑down.

Das Ziel war nicht eine „bessere Formulierung“. Das Ziel war echte Identifikation mit den Inhalten.

Der entscheidende Unterschied: Beteiligung statt Abstimmung

Viele Organisationen glauben, sie würden beteiligen, doch tatsächlich lassen sie oft nur abstimmen:

  • Ideen werden gesammelt
  • Entscheidungen trotzdem oben getroffen
  • Ergebnisse „zurückkommuniziert“

Das fühlt sich für Mitarbeitende schnell an wie: „Wir durften mitreden, aber nicht mitgestalten.

Ein echter partizipativer Ansatz funktioniert anders:

  • Perspektiven werden sichtbar gemacht
  • Widersprüche werden zugelassen
  • Konstruktive Vorschläge entstehen aus der Gruppe heraus

Die Vision wird nicht von oben herab definiert: Sie entwickelt sich aus der Mitte der Belegschaft.

Wie aus vielen Perspektiven ein gemeinsames Zukunftsbild wird

Angestoßen wurde der Prozeß zuerst von einer Handvoll ausgewählten Vertretern der Belegschaft. Die finale Ausarbeitung fand mit einer weltweiten Auswahl an rund 70 Teammitgliedern statt, die für zwei Tage in einem Hotel bei Zürich zusammenkamen.

Der Prozess folgte keiner simplen Ideensammlung, sondern einer klaren Dramaturgie.

1. Realität sichtbar machen

Was prägt die Organisation heute wirklich? Wichtig ist nicht das, was im Leitbild steht – sondern das, was heute gelebt wird.

2. Perspektiven öffnen

Unterschiedliche Rollen, Teams und Ebenen bringen ihre Sicht ein. Oft wird hier zum ersten Mal sichtbar: Wie unterschiedlich „die gleiche Organisation“ wahrgenommen wird.

3. Spannungen bewusst aufzeigen

Wo entstehen Reibung, Konflikte, Widersprüche? Genau hier liegt das größte Potenzial. Denn, eine Vision entsteht nicht aus Harmonie, sondern aus Spannung.

4. Zukunftsszenarien entwickeln

Nicht als PowerPoint‑Text, sondern als konkrete, vorstellbare Szenarien:

  • Wie arbeiten wir zusammen?
  • Wie treffen wir Entscheidungen?
  • Wie erleben Kunden uns?

Klare Szenarien und Bilder statt unklarer Buzzwords.

5. Verdichten statt bewerten

Statt sofort zu entscheiden, werden Ideen gesammelt, kombiniert, zugespitzt. So entstehen gemeinsame Grundlagen für:

  • wiederkehrende Themen und Muster
  • gemeinsame Sehnsüchte
  • erste Ideen für eine gemeinsame Richtung

6. Gemeinsames Ziel formulieren

Erst jetzt wird die Vision greifbar: Nicht weil jemand sie formuliert hat, sondern weil viele sie bereits als das Ergebnis des Prozesses gesehen haben.

7. Als Zukunftsbild für alle sichtbar machen

Hier kommt der entscheidende Schritt: Die Vision wird visualisiert. Warum? Weil Bilder Komplexität reduzieren und Emotion erzeugen.

Und genau das braucht eine Vision, um zu wirken.

Was dabei entsteht, und warum es wirkt

Der größte Unterschied zeigt sich nicht im Ergebnis, sondern im Verhalten danach:

Eine klassische Vision wird zwar verstanden, ist aber nicht relevant, sie wird akzeptiert, aber nicht gelebt.

Mit der Bottom‑up‑Vision bleibt sie emotional verankert, wird aktiv genutzt und ist in Gesprächen präsent.

Der Effekt: Die Vision wird Teil der täglichen Entscheidungen. Selbst heute, nach 8 Jahren, wird das Bild immer noch genutzt.

Warum dieser Ansatz entscheidend ist

Viele Führungskräfte stehen heute vor der gleichen Herausforderung. Sie sollen die Transformation beschleunigen, Orientierung geben und die Menschen mitnehmen.

Eine Vision soll all das leisten. Doch sie kann es nur, wenn sie nicht „verordnet“, sondern „angenommen“ wird.

Der Bottom‑up‑Ansatz ist kein „nice to have“. Er ist eine Antwort auf ein zentrales Führungsproblem:

Wie entsteht Klarheit in komplexen Organisationen?

Fazit: Die stärksten Visionen kommen nicht von oben

Eine Vision, die von oben formuliert wird, kann richtig sein. Aber sie bleibt oft fremd.

Eine Vision, die von innen entsteht, ist vielleicht weniger perfekt formuliert, aber sie ist von der Mehrheit getragen.

Und genau das macht den Unterschied. Nicht die Formulierung entscheidet über die Wirkung, sondern der Weg dorthin.

Und welche Rolle hat die Visualisierung gespielt?

Die Visualisierung war der rote Faden im gesamten Change-Prozess. Sie hat Diskussionen in klare, greifbare Bilder übersetzt und damit Komplexität reduziert und gemeinsames Verständnis geschaffen.

Vom ersten Scribble bis zum finalen Visionsbild diente sie als gemeinsamer Referenzpunkt, an dem sich alle ausrichten konnten. Entscheidend war dabei nicht nur das Ergebnis, sondern der Prozess: Weil das Bild iterativ gemeinsam entwickelt wurde, entstand echte Identifikation mit dem Bild und dessen Botschaften.

Im Rollout wurde die Illustration schließlich zum zentralen Träger der Vision – digital, räumlich und weltweit sichtbar verankert.

So haben die Zeichnungen Klarheit geschaffen und Licht ins Dickicht der vielen Worte gebracht.

Weitere Blogeinträge zum Thema Vision und Strategie

12 Erfahrungswerte wie man ein überzeugendes Visions- oder Strategiebild erstellt
Ein Rückblick aus 15 Jahren der Erstellung von Visionsbildern mit meinen persönlichen …
5 Tipps für die bessere Visions-Kommunikation
Die Visions-Kommunikation wird oft sehr stiefmütterlich behandelt. Machen Sie es besser. Es …
Wenn die Vision nicht im Kopf ankommt, führt jeder in eine andere Richtung
Warum eine Vision als Geschichte in Wort und Bild erzählt werden muss. …
Wie Sie mit Workshop-Visualisierung einen Strategieworkshop schneller zu Ergebnissen führen
Viele Workshops leiden unter der Fülle an Material in kurzer Zeit. Mit …
Visualisierung einer Firmen-Vision: vom ersten Scribble zu fertigen Zeichnung
Wenn Firmen die eigene Vision neu definieren, muss diese den Mitarbeitern einfach …
Kategorien
Messe-Zeichnen

Eine kreative Vision auf 6 x 2 Meter für die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU)

Der Job

Es galt, die Kongressteilnehmer über drei Tage zu drei Themen zu befragen und die Ergebnisse zu visualisieren.

  • Wo siehst du die Urologie in 10 Jahren?
  • Was bedeutet für dich Urologie verbindet?
  • Was ist dein Game Change für eine nachhaltige Entwicklung der Urologie?
Eine kreative Vision auf 6 x 2 Meter für die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) 7
Der Eingang zum Congress Center in Hamburg: Urologie verbindet

Für jede Frage gab es einen kleinen Block, auf dem die Kongressteilnehmer ihre Antwort schreiben konnten. Anfangs ging ich aktiv auf die Kongressteilnehmer zu und versuchte sie mit Charme zu überreden, ihre Antwort abzugeben. Immer bedurfte die Antwort einer weiteren Erklärung, das Geschriebene war für mich als urologisch Aussenstehenden nie selbsterklärend. So haben die Interviews gut ein Drittel meiner Zeit in Anspruch genommen.

Ich habe erfahren, was Urologen bewegt, wie sie sich sehen und wie sie die Zukunft ihrer Zunft bewerten. Herausgekommen ist ein einzigartiges Schlaglicht zu den urologischen Themen der Zeit.

Wie sagte einer so schön: „Wir sind ein lustiges Völkchen. Denn bei uns gibt es keine Scham, wir arbeiten immer unter der Gürtellinie.“

Die besondere Herausforderung: der Hintergrund

12 qm zu füllen ist keine alltägliche Aufgabe und es wurde definitiv das größte Bild meiner Karriere als Eventzeichner aka Graphic Recorder.

Allein wegen der Größe der Fläche war mir klar, dass ich hier einen neuen Weg gehen musste, um das Bild auch von der Ferne visuell attraktiv zu machen. Das erste Mal wollte ich daher mit großflächig angelegten Hintergründen arbeiten.

Die Dipersionsfarbe ist meine Wahl

Um einen großflächig farbigen Hintergrund zu bekommen, testet ich in den Wochen davor verschiedene Farben auf verschiedenen Untergründen. Schliesslich wählte ich Dispersionsfarbe, die in Anlehnung an die offiziellen Kongressfarben im Baumarkt angemischt wurde. Darauf wollte ich mit schwarzen und weissen Faserstiften zeichnen.

Die Köpfe als Leitmotiv

Das visuelle Leitmotiv der Tagung bestand aus einfachen Köpfen im Profil, die mit einem Pinsel gut auf die Fläche zu bringen waren. Knifflig waren die weissglänzend-lackierten Alu-DiBond-Platten, da eigentlich Kapaplatten für die Wand ausgemacht waren. Um eine gleichmäßig Deckung zu bekommen, musste ich die Farbe zweimal aufbringen und dazwischen einen Tag Trocknungszeit abwarten.

Und wieder muss es mein Edding sein

Was ärgerlicher war: Mit den Stiften von Neuland und Copic ließ sich auf der glatten DiBond-Fläche leider überhaupt nicht mehr arbeiten. Sie hinterliessen nur einen blassen Strich. Also musste doch wieder mein geliebter 0815-Edding einspringen, der mich noch nie im Stich gelassen hat, auf welcher Oberfläche auch immer.

Die Durchführung

Drei Tage hatte ich für die Visualisierung Zeit, plus einem halben Tag Vorbereitung. Rund 35 Einzelgespräche habe ich in dieser Zeit geführt, insgesamt wohl 300 min oder 5 h.

Am ersten Kongresstag füllten noch viele Gespräche mit den Kongressteilnehmern meine Zeit, die Hintergrundköpfe mussten trocknen und erst spät am Nachmittag begann ich die zeichnerische Umsetzung der Antworten.

Am zweiten Kongresstag „gab ich Gas“ mit der Visualisierung und führte weniger Gespräche. Am letzten Tag konzentrierte ich mich auf die Fertigstellung und investierte nur noch wenig Zeit in die Gespräche.

Selbst akrobatisch war ich gefordert. Um die 12 qm wirklich zu füllen, habe ich viel im Liegen für das untere Drittel gearbeitet und für das obere Drittel stand ich auf einer kleinen Leiter. „Dass Sie mir aber nicht runterfallen!“, sagte der Messebauer zu mir mit erhobenem Zeigefinger.

Meine Highlights

In den drei Tagen habe ich viel über die Urologie gelernt. Sie sind inder Tag ein „lustiger Haufen“, wie eine Familie und natürlich gibt es auch hier viele Themen der Verbesserung oder Veränderung.

Es gibt ein Problem in der Kommunikation untereinander (wo gibt es das nicht), zu anderen Fachbereichen und zwischen Klinik und Niederlassung, die Nachhaltigkeit könnte durch den Trend zu Wegwerfinstrumenten viel besser sein, die KI wird vieles in der Administration verändern, es gibt Schwierigkeiten ausreichend Nachwuchs zu finden und die Einzelpraxis ist keine Modell mehr für die Zukunft. Aber alles in allem ergab sich ein sehr stimmiges Bild und die Mehrzahl der Antworten war positiv und zukunftsfroh.

Eine kreative Vision auf 6 x 2 Meter für die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) 24
Nimmt die KI-Assistenten den Harnbecher, wird sofort die Analyse gestartet: Wunsch oder bald Realität? (Bild: DGU)
Eine kreative Vision auf 6 x 2 Meter für die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) 25
Viele Bereiche werden durch den Einsatz der KI verbessert (Bild: DGU)
Eine kreative Vision auf 6 x 2 Meter für die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) 26
Sind autonom operierende Roboter ein realistisches Szenario für die Zukunft? (Bild: DGU)

Spannend für mich war, wie sich einzelne Illustrationen mit der Zeit durch Kommentare weiter entwickelten. Zum Beispiel ist bei der Zeichnung zu „Urologie betrifft jeden“ jede Sprechblase ein eigener Teilnehmer-Beitrag.

Eine kreative Vision auf 6 x 2 Meter für die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) 27
Ich lernte: Irgenwann muss jeder mal zum Urologen, früher oder später (Bild: DGU)

Gleiches passierte bei der der Illustration zu „Urologie verbindet“. Einer meinte mit Schmunzeln: „Wenn du Spaß im Beruf haben willst, geh zur Urologie.“ Und so hat sich fast jede Illustration über die Tage weiter entwickelt.

Eine kreative Vision auf 6 x 2 Meter für die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) 28
Ein kleine Werbung für den Beruf

Besonders amüsant fand ich einen älternen Urologen, der meinte, früher hätte er zu seinen Patienten gesagt, wenn sie nur einmal die Nacht aufstehen müssen, dann das ist gut. Jetzt ist er selbst in diesem Alter und er merkt, wie kreativ man in dieser schlaflosen Zeit sein kann. Jetzt sagt er: einmal ist super!

Ich selbst konnte diesen Rat gleich in die Tat umsetzen, da ich in Hotels mittlerweile eher schlecht schlafe. So habe ich um halb drei morgens im Bett erste Skizzen zu den Antworten gemacht. Klappte gut!

Eine kreative Vision auf 6 x 2 Meter für die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) 29
Nachts aufstehen zu müssen, kann die Kreativität fördern. Ich kann es nur bestätigen.

Mein Resümee zum Malen auf einem Hintergrund aus Dispersionsfarbe

Auf den Dispersionsfarben liess sich gut zeichnen, aber sie mussten auf der DiBond-Platte mindestens 12 h trocknen. Das wäre auf Kapa schneller gegangen. Technisch besonders herausfordernd war die unterschiedliche Oberfläche von Dispersion (rauh) zu DiBond (glatt).

Da die Dispersionsfarbe nicht wirklich trocken war, wenn ich zum Zeichnen anfing, schmierte auch gerne der Faserstift zu. Aber das war keine wirkliche Behinderung.

Würde ich es wieder so machen? Ich denke schon, wenn ich auch noch mehr experimentieren würde. Anfangs hatte ich noch zu Hause mit den extrabreiten Stiften von Neuland experimentiert, um den Hintergrund anlegen, aber schnell merkte ich, man bekommt keine gleichmässigen, sondern streifige Flächen, da es keine deckenden Farben sind. Und auf DiBond wäre ich mit Ihnen verloren gewesen.

Die extra angemischten Dispersionsfarben sind preislich in Ordnung, treffen genau den Kundenfarbton, sind leicht zu verarbeiten und völlig unproblematisch auf allen Oberflächen. Aber es muss eine Toilette in der Nähe sein, auf der man die Pinsel auswaschen kann, da sehr viel Wasser nötig ist.

Es war eine völlig neue Erfahrung für mich, bei einem „graphic recording“ Job auch mit richtigen Pinseln zu arbeiten, und ich genoss es. Ich fühlte mich mehr als Künstler als jemals zuvor.

Eine kreative Vision auf 6 x 2 Meter für die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) 30
Das Arbeiten mit dem Pinsel ist sehr meditativ (Bild: DGU)

Teilnehmerfeedback

Je weiter das Bild fortschritt, desto mehr Interesse zog es auf sich. Am dritten Tag standen oft fotografierende Teilnehmer links und rechts von mir, während ich noch gezeichnet habe.

Kurz zusammengefasst: Die Kongressteilnehmer liebten es. Viele kamen immer wieder, um ihre Antwort im Bild zu sehen. Einer war von dem Jungs-TÜV so begeistert, dass er mehrmals mit wechselnden Freunden kam, um es zu zeigen. Wie ich gelernt habe, ist Hodenkrebs bei jungen Männern ein großes Thema. Früher wurde er bei der Musterung zum Wehrdienst häufig entdeckt, jetzt eben nicht mehr.

Als ich einmal von der Pause zurückkam, hing ein Zettel mit einem Herz und Ausrufezeichen an der Wand. Ein anderes Mal hatte sich sogar jemand selbst aktiv mit Herz auf der Wand verewigt (ganz rechts in der Wand, neben der KI).

Eine kreative Vision auf 6 x 2 Meter für die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) 31
Der Jungs-TÜV wäre für junge Männer sehr wichtig (Bild: DGU)

Was passiert mit dem Bild?

Wie ich erfahren habe, wurde es abgebaut und soll entweder in der DGU-Geschäftsstelle in Düsseldorf wieder aufgebaut werden oder an ein Krankenhaus gehen. Die große Fläche ist wohl eine Herausforderung, auch im Nachhinein.

Mein Dank

Als erstes möchte ich der DGU danken, die sich auf das Experiment eingelassen hat und mich auf dem Kongress herzlichst aufgenommen hat. Die Urologen sind in der Tag ein „besonderes Völkchen“. Ein großer Dank geht hier an die Pressestelle der DGU für die Überlassung der vielen wunderbaren Bilder.

Als zweites geht mein Dank an die Agentur Interplan, die mich hervorragend betreut und alles sehr professionell organisiert hat. Es gab wirklich nichts, was meine Ansprechpartnerinnen je aus der Ruhe gebracht hätte.

Und natürlich möchte ich auch allen aktiven Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmern danken. Ohne deren Mitwirkung hätte das Bild nie entstehen können. Besonders die Frauen haben sich hier – wie so oft – offener, neugieriger und kreativer gezeigt als die Männer.

Woran das wohl liegt? Eine meinte lächelnd: „Wahrscheinlich sind sie wir es durch den Umgang mit Kindern gewohnt, uns auf Neues einzulassen und damit spielerisch umzugehen“.

Vielleicht wäre das eine Lösung für den Umgang mit den Problemen in diesem Land.

Bilder

Pressestelle der DGU und eigene Aufnahmen

Kategorien
Graphic Recording

Mensch gegen Maschine: Kann die KI einen Menschen als Graphic Recorder ersetzen?

Gemeinsam erarbeitet von Florian Bies (Informatiker & Berater bei Ritzenhöfer in Mettmann) und Wolfgang Irber (Illustrator & Graphic Recorder)

Bilder, die heute schon mit künstlicher Intelligenz generiert werden können, sind von einer Qualität, die Illustratoren in der Kürze der Zeit nie erreichen können. Doch stimmt die optische Qualität mit der inhaltlichen überein?

Florian und ich sind dieser Frage auf der alljährlichen Sommerkonferenz 2024 der Beratungsfirma Ritzenhöfer in Mettmann nachgegangen.

Das Thema der Konferenz mit fünf Vorträgen und 4 Themenräumen lautete: Force of Change: Transformation (in) einer chaotischen Welt.

Unsere Aufgabe war es, die fünf Vorträge im Sinne des Graphic Recordings visuell zu reflektieren, einmal von mir mit der Hand digital gezeichnet und einmal von Florian über die KI generiert.

Arbeitsweise

Da wir nicht neben der Bühne Platz nehmen konnten, mussten wir die Veranstaltung via MS-Teams-Stream folgen. Dabei haben wir uns auf das gesprochene Wort konzentriert, gezeigtes Bildmaterial wurde sowohl von uns als auch von der KI nicht genutzt.

Prompt = kurze Beschreibung des gewünschten Bildes als normaler Text oder in Stichworten, mit dem der KI die Anweisung gegeben wird, die Bilderzeugung zu starten.

Jeder Vortrag war 30 min lang, und kurz nach dem Ende jedes Vortrags mussten beide Bilder (Mensch und KI) vorliegen. Die Gäste des Sommerfestes wurden gebeten, die Ergebnisse zu bewerten und dabei entwickelten sich zahlreiche Diskussionen. Zu den mit KI-generierten Bildern wird als Bildunterschrift auch der originale von ChatGPT erstellte Begleittext gezeigt.

Wolfgang (Illustrator)

Meine Arbeitsweise war klassisch und entsprach dem normalen Graphic Recording:

Zuhören > Nachdenken > Zeichnen

Letzteres fand rein digital in der App Concepts auf meinen Surface Pro 9 statt. Da die Zeit begrenzt war, musste ich spätestens 15 min nach Beginn des Vortrags mit der Zeichnung beginnen, um am Ende fertig sein zu können.

Mensch gegen Maschine: Kann die KI einen Menschen als Graphic Recorder ersetzen? 32
Hier werden die Bilder mit der Hand gezeichnet.

Florian (Informatiker)

Florian hatte den Graphic Recording-Prozess weitestgehend automatisiert und im Vergleich einen ruhigen Job:

  • Die gestreamten Vorträge wurden live transkribiert (KI-Modul Whisper von Open AI).
  • Basierend auf dem Transkript wurde ChatGPT aufgefordert eine Zusammenfassung des Vortrags zu generieren.
  • Die automatisch generierte Zusammenfassung diente als PromptVorlage für die Bilderzeugung in DALL-E, die weniger als eine Minute dauerte.

Die Anweisungen an ChatGPT/DALL-E wurden jeweils leicht variiert, die KI behielt jedoch weitestgehend die künstlerische Freiheit über die Art der Darstellung.

Mensch gegen Maschine: Kann die KI einen Menschen als Graphic Recorder ersetzen? 33
Hier werden die Bilder mit der KI generiert.

Transformation in Banking und Technology

Der Vortrag zeigte, dass die Bank mit dem Einsatz von Technologie kundenorientierter werden könnte und sich mit dem Einsatz der Blockchain in der Finanzkrise verloren gegangenes Vertrauen wieder herstellen ließe.

Mensch gegen Maschine: Kann die KI einen Menschen als Graphic Recorder ersetzen? 34

Kommentar von Wolfgang
Im Vortrag fiel es mir durch die vielen Abschweifungen des Vortragenden schwer, eine klare Aussage zu finden. Dreimal versuchte ich, eine Visualisierung zu starten, ohne aber den Kern zu treffen.

Erst zum Ende hin wurde der Vortrag klarer, doch die Zeit war zu Ende. So beschränkte ich mich auf die generelle Veränderung in der Bankenbranche mit dem Zitat: „Gut für Berater“ hin zu einem kundenfreundlichen „End-to-end-Concierge-Dienst“ am Beispiel der modernen Internetbanken.

Originale Bildbeschreibung von DALL-E
Hier ist das Bild, das die Hauptideen des Vortrags darstellt. Es kombiniert Elemente von Chaos und Transformation, moderne Technologien im Bankwesen, Vertrauen und Regulierung, Nachhaltigkeit sowie zukunftsorientierte Technologien. Ein Geschäftsmann im Anzug, der mit dem Fahrrad fährt, symbolisiert umweltfreundliche Fortbewegung.

Unser Kommentar
Die KI generierte im Vergleich ein sehr bildgewaltiges Kaleidoskop an kleinen Illustrationen, die alle behandelten Aspekte wiedergeben. Ohne Erläuterung ist das Bild aber nicht zu verstehen. Die Texte im Bild sind oft verstümmelt. Gewählte Assoziationen wie der fahrradfahrende Banker, der für Nachhaltigkeit steht, lassen einen eher schmunzeln.

Mensch gegen Maschine: Kann die KI einen Menschen als Graphic Recorder ersetzen? 35

Reshaping the Financial Industry

Der auf Englisch gehaltene Vortrag ging auf den Umbau des gesamten Bankenwesens durch die KI ein. Die neue Bank nutzt KI als stabile Basis für viele Dienste, um daraus einen sicheren und demokratisch gleichwertigen Zugang für alle Menschen zu schaffen. Der Vortrag hatte eine klare Struktur und war in fünf Punkte gegliedert, in denen die KI für Verbesserungen sorgen kann.

Mensch gegen Maschine: Kann die KI einen Menschen als Graphic Recorder ersetzen? 36

Kommentar von Wolfgang
In meiner Zeichnung lasse ich die heutige Bank sehr plakativ von einer Dame (Referenz auf die Rednerin) mit KI-Hammer zerstören. Die neue Bank von morgen steht auf einer Basis aus KI und bietet die Dienste für alle Menschen an.

Da ich die begleitenden Folien nicht sehen konnte, verlor ich leider den Bezug zu den besprochenen Kategorien, die von der KI klar aufgenommen wurden.

Originale Bildbeschreibung von DALL-E
Here is the illustration capturing the main ideas of the presentation about the transformative potential of AI in finance. The image highlights five key areas: regulatory compliance and financial reporting, fraud detection and prevention, personalized financial guidance, conversational finance, and middle and back office operations, all interconnected by an AI brain symbolizing intelligence and data analysis

Unser Kommentar
Die Kernaussage des Bankenumbaus kommt im KI-generierten Bild nicht zum Ausdruck. Das Bild ist in sechs Kategorien unterteilt, die in 4 Feldern von einer bunte Kollektion an Symbolen begleitet werden. Die KI-Texte im Bild sind verstümmelt. Je genauer man sich die einzelnen Bildsegmente anschaut, desto unklarer wird, was sich hinter der klaren Struktur verbirgt.

Mensch gegen Maschine: Kann die KI einen Menschen als Graphic Recorder ersetzen? 37

Leben verändern durch Kunst

Der Vortrag erzählte davon, dass spielerisch erlebte Kreativität ohne festes Ziel wichtig ist, um sich selbst besser zu erkennen und dem Leben einen Sinn geben zu können. Als Beispiel wurde ein Projekt mit Kindern in der Ukraine gezeigt, die aus russischen Waffenresten Instrumente erstellen und darauf musizieren. So haben sie die Möglichkeit- trotz Krieg – die eigenen kreativen Potentiale für ihr späteres Leben besser erkennen zu können.

Mensch gegen Maschine: Kann die KI einen Menschen als Graphic Recorder ersetzen? 38

Kommentar von Wolfgang
Mein Bild folgt einer Leserichtung von links nach rechts und gibt viele Originalzitate aus dem Vortrag wieder, die damit auch die Kernaussage reflektieren.

Links oben ist der Vortragende auf seiner persönlichen Sinn-Suche zu sehen, die der Anlass für die kreativen Projekte war.

Originale Bildbeschreibung von DALL-E
Hier ist das Bild, das die Kernaussage von Tom Lupos Vortrag visualisiert. Es zeigt eine lebendige Szene in einer kriegszerstörten Umgebung, wo Kinder kreative Aktivitäten ausüben und von Erwachsenen unterstützt werden. Die Kinder sind glücklich und ihre Kunstwerke sind farbenfroh, was Hoffnung und Transformation inmitten der Zerstörung
symbolisiert.

Unser Kommentar
Das KI-generierte Bild ist rein visuell in Farbigkeit und Detailreichtum dem Bild von Wolfgang deutlich überlegen. Die wesentlichen Elemente werden zwar dargestellt, aber aus dem Bild wird das Warum nicht klar. Dennoch spricht es in seiner Emotionalität an.

Mensch gegen Maschine: Kann die KI einen Menschen als Graphic Recorder ersetzen? 39

Lust auf Zukunft machen

Die Essenz des Vortrags war, dass man Menschen mit einer starken Geschichte die Lust auf eine unbekannte Zukunft geben kann. Gut erzählt, kann sie eine Einladung zu einer Reise sein, ein Versprechen auf eine Chance. Menschen können dabei selbst entscheiden, ob sie daran teilnehmen wollen oder nicht.

Mensch gegen Maschine: Kann die KI einen Menschen als Graphic Recorder ersetzen? 40

Kommentar von Wolfgang
Im Bild von mir steht eine „starke“ Sprechblase in der Mitte, die Bild-Leserichtung geht wieder von links nach rechts und erzählt eine kleine Geschichte mit Hilfe der originalen Zitate.

Originale Bildbeschreibung von DALL-E
Hier ist eine visuelle Darstellung der Kernaussage des Vortrags. Die Illustration zeigt einen Erzähler auf einer Bühne, umgeben von einem aufmerksamen Publikum. Im Hintergrund schlängelt sich ein Weg von einem dunklen Tal durch Herausforderungen (dargestellt als Berge) zu einem hellen, sonnigen Gipfel, der eine Reise symbolisiert. Im Vordergrund
halten sich Menschen an den Händen, was die Verbindung und das Hormon Oxytocin darstellt. Emotionen sind in den Gesichtern zu sehen: Glück, Überraschung und Nachdenklichkeit. Ein Schmetterling, der aus einem Kokon schlüpft, symbolisiert Transformation.

Unser Kommentar
Das KI-generierte Bild ist schön anzusehen, aber erschließt sich nicht ohne Erläuterung. In diesem Fall wurde die KI übrigens aufgefordert, das Bild einer menschlichen Zeichnung nachzuempfinden. Die Inhalte der Gedankenblasen bleiben rätselhaft. Typische KI-Fehler sind enthalten, wie z.B. der fehlende Arm bei der Dame ganz rechts neben der Sprechblase „Challenges“.

Mensch gegen Maschine: Kann die KI einen Menschen als Graphic Recorder ersetzen? 41

Die Macht der Worte

Der Vortrag erklärte, dass die richtigen Worte in der richtigen Tonalität aus dem Chaos wieder Ordnung erzeugen können. Dies sei genau die Aufgabe der Berater, die in einer Firma oft Chaos mit Unsicherheit vorfinden, aber die Unordnung mit den richtigen Worten wieder in einen geordneten „Garten der Ökonomie und das Wachstums“ überführen können.

Mensch gegen Maschine: Kann die KI einen Menschen als Graphic Recorder ersetzen? 42

Kommentar von Wolfgang
In meinem Bild habe ich die ungeordnete VUCA-Welt einem geordneten Garten der Ökonomie gegenübergestellt. Der Übergang von Unordnung zur Ordnung gelingt mit den richtigen Worten eines Beraters. Originale Zitate ergänzen das Bild. Von allen Zeichnungen ist dies meine Lieblingszeichnung.

Dem augenzwinkernden Verweis des Vortragenden auf die Ritter der Ritzenhöfer Tafelrunde habe ich einen kleinen Raum links oben gegeben. Dem konnte ich nicht widerstehen.

Originale Bildbeschreibung von DALL-E
Hier ist das Bild, das die zentrale Botschaft des Vortrags darstellt: Die Kraft der Worte, die Ordnung ins Chaos bringen und das Leben der Menschen beeinflussen. Ich hoffe, es gefällt Ihnen!

Unser Kommentar
Im KI-generierten Bild ist eine Burg mit Rittern in einer Tafelrunde zu sehen. Dabei hatte der Redner in der Einleitung nur kurz erwähnt, dass ihn die Ritzenhöfer-Villa in Mettmann an eine Burg erinnert, in der die Ritzenhöfer-Ritter der Tafelrunde versammelt sind. Dieser kurze Satz am Anfang hatte gereicht, um das Bild zu dominieren, das an einen geheimnisvollen Berater-Geheimbund mit zentralem Magier erinnert.

Mensch gegen Maschine: Kann die KI einen Menschen als Graphic Recorder ersetzen? 43

Zusammenfassung

Allgemeine Beobachtung

Die Antwort auf die Frage, kann die KI über einen automatisiert ablaufenden Prozess einen Graphic Recorder ersetzen, lautet eindeutig:

Heute „noch“ nicht.

Die Bilder sind von beeindruckender visueller Opulenz, aber noch von geringer inhaltlicher Relevanz.

Wo sich alle Gäste einig waren: Nach dem ersten WOW-Moment und der näheren Betrachtung der Bilder ergaben sich viele Fragezeichen:

  • Was wird hier gezeigt?
  • Wo ist die Kernaussage?
  • Welche Geschichte erzählt das Bild?

Auch wenn es die KI in einem Live-Recording einfacher hat, den Inhalt in seiner Gesamtheit zu erfassen, da sie das Bild nicht im Verlauf des Vortrags schrittweise entwickeln muss, hat sie Schwierigkeiten, die Kernaussage klar herauszustellen.

Am besten wurde von den Konferenzteilnehmern das KI-Bild des dritten Vortrags beurteilt, da es auch emotional sehr berührte.

Ein rein automatisch ablaufendes Graphic Recording erscheint derzeit daher noch nicht möglich.

Wo ist die KI stark?

Visuelle Opulenz

Wir waren – wie auch alle Konferenzteilnehmer – von der visuellen Mächtigkeit der künstlich generierten Bilder beeindruckt, die allerdings gerne in eine dramatische Gestaltung abglitt.

Textliche Zusammenfassung

Einen hervorragenden Job machte die KI in der Zusammenfassung der langen Vorträge zu einem kurzen Absatz, der als Vorlage für die Prompts dienten. Besser ist es nicht mehr möglich.

Oft war für mich der Prompt klarer als das daraus generierte Bild. 

Wo ist die KI schwach?

Einbindung von Text

Die Einbindung von Text als wesentliches Gestaltungselement beim Graphic Recording ist der KI kaum gelungen. Text erschien in den Bildern bestenfalls stark reduziert und oft verstümmelt. (Anmerkung Juni 2026: Mittlerweile gelingt das der KI viel besser, wenn auch immer noch viele Fehler enthalten sind, aber zumindest ist der Text lesbar geworden)

Hier unterscheiden sich auch die KI-generierte Bilder von den Menschen-gemachten am deutlichsten:

  • Vom Menschen erzeugtes Graphic Recording ist handgeschriebener Text in Kombination mit einfachen Illustrationen im Stil von Sketchnotes;
  • KI-generiertes Graphic Recording ist eine bildgewaltige Illustration mit wenig oder gar keinem Text.

Trennung von Wichtigem von Unwichtigem

Auch konnte die KI nicht werten oder bewusst Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden. Wenn ein Redner unstrukturiert gesprochen hat und sich in unwichtigen Details verlor, wurde das so von der KI abgebildet (Vortrag 1). Was im Vortrag häufig erwähnt wurde, aber vielleicht gar keine Relevanz hatte, erschien dennoch im Bild sehr dominant (Vortrag 5). 

Zu viel visuelles Rauschen

Oft entstand der Eindruck einer Willkürlichkeit, was die Nutzung visueller Elemente durch die KI angeht. Ganz nach dem Motto: Hauptsache ein Bild, ob es Sinn macht oder nicht (Vortrag 2). Bildelemente wurden oft mit Bedeutung aufgeladen, die ohne Text nicht erkennbar war (Vortrag 1 und 4). Gerne wird visuell eher zu viel als zu wenig gezeigt. Das erschwert es dem Betrachter, die Bilder schnell zu verstehen.

Kein Multi-Storytelling

Das Unvermögen der KI, in einem Bild unterschiedliche Aspekte abzubilden ist auffällig. Beim Sketchnoting oder Graphic Recording wird dieses Stilmittel gerne verwendet, um einen logischen Bezug bzw. eine erzählerische Abfolge darzustellen, wie z.B. im letzten Vortrag mit dem Übergang von Unordnung zu Ordnung.

Kein klare Geschichte

Die größte Schwäche der KI ist daher in unseren Augen das Fehlen einer internen Geschichte, in der die Kernaussage erzählt wird. So ist es kein Graphic Recording mehr, sondern eine visuelle Untermalung der Vortragsgeschichte, die sich aber im Nachhinein daraus nicht mehr erschließen lässt.

Dennoch: Die KI-generierten Bilder könnten gut als Illustration für einzelne Aspekte in einem Vortrag genutzt werden.

Ausblick

Ist damit die KI als Graphic Recorder völlig gescheitert?

Wir sagen: „Nein“.

Wir können es uns gut vorstellen, dass ein zeichnerisch nicht begabter Zuhörer intelligent gemachte Prompts zusammenstellt, mit denen Bilder in kürzester Zeit passend zum Vortrag generiert werden. Das Titelbild dieses Blogeintrags wurde zum Beispiel auf diese Weise in nur 3 min mit DALL-E in Microsoft Designer generiert (Prompt schreiben, erste Iteration, Prompt anpassen, zweite Iteration).

Mensch gegen Maschine: Kann die KI einen Menschen als Graphic Recorder ersetzen? 46

Hier der genutzte Prompt in DALL-E: ein männlicher Illlustrator, ca. 60 Jahre alt, mit Brille, kämpft gegen eine zeichnende künstliche Intelligenz, style=comic

Prompten erfordert viel Sorgfalt und Zeit

Oft entspricht das erste Ergebnis vielleicht nicht ganz der eigenen Vorstellung, allerdings gibt es bereits heute die Möglichkeit Ausschnitte des Bildes von der KI korrigieren zu lassen. Ergänzt man das noch mit einer kurzen Textzusammenfassung, haben die KI-generierten Bilder eindeutig großes Potential.

Auf diese Weise könnte die vom Menschen angeleitete KI tatsächlich heute schon einen Graphic Recorder ersetzen, nur eben nicht automatisiert.

Die KI ist in der Bilderstellung etwas wiederspenstig

Doch in der KI-gestützten Bildgenerierung muss man sich bewusst sein, dass man hier versucht, ein „wildes Tier zu zähmen“. Die generierten Bilder haben einen großen Freiheitsgrad an Zufälligkeit und widersetzen sich gerne den Vorgaben. Ein Bild zu schaffen, das genau den eigenen Vorstellungen entspricht, ist unmöglich.

Je einfacher und zufälliger das Bild sein darf, umso eher wird das Ergebnis die Vorstellung treffen. Komplexe Sachverhalte, die aus Einzelaspekten bestehen und miteinander eine Geschichte erzählen, sind derzeit – unserer Meinung nach  – nicht zu erstellen.

Auch handgemachtes Graphic Recording hat Limitierungen

Mir selbst ist in dieser Konferenz mit der zeitlichen Limitierung wieder deutlich vor Augen geführt worden, wie sehr man als Graphic Recorder von einer guten Vortragsstruktur und Klarheit der Aussagen abhängig ist. Ist das nicht gegeben, kann live und synchron kaum ein vernünftiges Recording stattfinden.

Im Nachhinein würde ich fast alle Bilder, die ich gezeichnet hatte, anders zeichnen, um die Kernaussage noch besser zu reflektieren. Aber diesen Luxus hat man im Live-Recording nicht. Als Graphic Recorder kann ich zwar versuchen, einen versteckten Sinn zu finden, aber es gilt wie überall: Input = Output. Auch für den Prompt, um die Bilder künstlich zu generieren.

Und hier noch ein paar Impressionen vom Event:

Kategorien
Messe-Zeichnen

Als Illustrator drei Tage auf einer Messe und wie ein Weltraumbild davon entsteht

Ich war als Messe-Zeichner für die SAP-TechEd-Messe in Barcelona gebucht. Drei Tage, 3000 Entwickler, viele Hallen. Meine Aufgabe: zeichne ein Bild, das den Spirit der Developer’s Garage auf der Messe einfängt. 

Tag-0
Die noch leere Fläche

Tag 1: Graphic Recorder an Muse: suche Inspiration und Ideen

Die Zeichenfläche war definiert. Und mehr Information gab es dazu nicht. Es war also kein klassisches Graphic Recording, eher eine Messe-Illustration, aber nicht von einzelnen Vorträgen, sondern der gesamten Atmosphäre. Damit bestand ein wesentlicher Teil meiner Arbeit darin, die Information zu finden, denn sie kam nicht zu mir. Muse küss mich!

Wo ist mein Plan?

Mein Einstieg in die Materie war die Keynote des CTO. Seine Begeisterung für den Weltraum setzte für mich die visuelle Metapher. Glück gehabt, denn ich liebe den Weltraum, da er zeichnerisch gut umzusetzen ist. Schon schwebten Raumschiffe und Planeten vor meinem inneren Auge.
Nach der Keynote sah ich mir die gesamte Messe und vor allem die Developer’s Garage an, die ja mein Auftraggeber war. Mit vielen Personen sprach ich, um das Wesen der Messe zu verstehen. Dann kam das große Überlegen: was macht Sinn zu visualisieren, was kann ich machen, was kann ich auch in drei Tagen schaffen, was würde mir gefallen, wäre ich der Auftraggeber?

Nebenbei stellte sich noch ein kleines Problem heraus: die Zeichenfläche war eine abwischbare Whiteboard-Folie, auf der keiner meiner Neuland-Stifte funktionierte, nur mein schwarzer Edding war zu gebrauchen. Dann muss es eben ein schwarz-weißes Bild werden. Nur sparsam konnte ich Grau für den Schatten und als Akzentfarbe Gelb verwenden. Immer und immer wieder musste ich bei Grau und Gelb mit dem Stift über die Folie gehen, bis etwas zu sehen war.

Tag-1
Am Ende von Tag 1

Da ist mein Plan

Nach einigem Überlegen entschied ich mich für eine grobe Dreiteilung des Bildes: a) Vision aus der Keynote, b) Aktivitäten um die Developer’s Garage und c) die Partnerfirmen.
Am Ende des ersten Tages hatte ich die Kernaussagen der Keynote und ein Barcelona-Banner als Fußzeile gezeichnet. Womit ich nicht gerechnet hatte: sobald ich anfing zu zeichnen, kamen Besucher neugierig auf mich zu und verwickelten mich in ein Gespräch. Das verlangsamte meinen Zeichenfortschritt, aber förderte gleichzeitig mein Wissen um die Messe immens.

what-happens-in-front-of-the-picture
Das Bild entwickelt sich zum beliebten Hintergrund für Interviews, Reportagen und Selfies

Tag 2: Die Developer’s Garage oder an was Entwickler so richtig Spaß haben

Am zweiten Tag fügte ich die wesentlichen Elemente der Developers-Garage hinzu, einer Art Spielwiese für Programmier-Freaks. Und etwas völlig Ungeplantes begann meinen Zeichenfortschritt zu verlangsamen: Fernsehteams entdeckten die Wand als willkommenen Hintergrund für ihre Interviews. Immer wieder musste ich weichen und „durfte“ Pause machen. Und zusätzlich begann eine steigende Zahl von Besuchern ein Selfie mit dem Bild im Hintergrund zu machen oder fragte mich, ob ich sie fotografieren würde. Das Bild entwickelte sich zu einem Magneten, ich wurde zum Fotografen im Nebenjob.

Tag-2
Am Ende von Tag 2

Tag 3: Marktstände der Partner und das Finale

Am Morgen des dritten Tages kam mein Auftraggeber und meinte, ich hätte beim Enterprise-Raumschiff links oben einen Fehler gemacht. Ein wichtiges Element hätte ich vergessen. Please, fix it! Jetzt war die Whiteboard-Folie von Vorteil. Mit Spiritus ließ sich der Edding problemlos abwischen. Und schon war der Platz für ein zusätzliches Triebwerk der „digital platform“ vorhanden.
In die verbliebene weiße Fläche fügte ich die Markstände der SAP-Partner hinzu. Was ist der Mehrwert in der Zusammenarbeit? Was macht ihr besonders? Für die verbliebenen kleinen Zwischenräume wählte ich Besucherzitate. Was denken Besucher über die TechEd? Zwei Stunden vor dem offiziellen Ende der Messe war die Zeichenfläche maximal gefüllt. Jetzt wartete ich auf die finale Zahl der programmierten Apps gegen 18 Uhr, um sie in den Zähler unterhalb der Developers Garage zu schreiben. In der Wartezeit kam noch das Finish: wo kann ich noch mehr Schwarz hinzufügen, um es besser zu gliedern oder wichtige Inhalte besser hervorzuheben? Dann war meine Arbeit getan. Mission completed!

details-from-picture
Details

Mein Fazit: Vertrauen schafft Kreativität

Es hat gut getan, völlig frei zu entscheiden, was ich zeichnen darf. Und anders als bei einem Graphic Recording konnte ich planen, überlegen und nur wirklich wichtige Information hinzufügen. Wie sagte eine Besucherin: „Faszinierend, die ganze Messe auf einen Blick!“ Ich hatte die Zeit, vieles liebevoll zu illustrieren und eine in sich geschlossene Bildlandschaft zu schaffen. Alleine die Überschrift der „Developers Garage“ hatte eine Stunde gedauert.

Drei Tage war ich auf der Messe, das sind insgesamt 27 h. Zieht man 6 h Pausen ab, bleiben 21 h für die Arbeit. Davon war ich gut die Hälfte der Zeit mit der Informationsbeschaffung und der Planung beschäftigt, die andere Hälfte mit der Zeichnung. Damit hat es rund 10 h gedauert, das Bild zu schaffen. Ein realistischer Wert.

Das Feedback der Besucher hatte mich über die drei Tage motiviert. Durch die vielen Anmerkungen zu Details der Inhalte wurde das Bild wesentlich verbessert. Manche kamen jeden Tag vorbei, um den Fortschritt zu sehen. Was mit dem Bild im Anschluß passiert ist kann ich nicht sagen. Angeblich hat man versucht, die Folie abzuziehen und in Walldorf wieder aufzuhängen. Aber ob das funktioniert hat, werde ich vielleicht irgendwann einmal erfahren.
Auf alle Fälle danke ich meinem Auftraggeber für das Vertrauen. Ich denke, er war ganz zufrieden. Und ich fühlte mich zwischenzeitlich wie ein Astronaut im All…

Kategorien
Graphic Recording

Sinn und Unsinn von Graphic Recording: ist das Information oder ist das Kunst?

Ein Plädoyer für mehr Übersichtlichkeit

Wir sind im Jahr 2018. Mittlerweile sieht man sie sehr oft auf Tagungen. Menschen mit großen Papierbahnen, die neben dem Geschehen stehen und Strich für Strich große Poster erzeugen: meterweise bunte Bilder, Kombinationen aus Text und Illustration.

Screenshot-von-Graphic-Recording-Google

Artikel erscheinen darüber in Zeitungen, und immer mehr Tagungsorganisatoren wünschen sich ebenfalls ein Graphic Recording. Weil es interessant aussieht und modern ist. Keine Frage: Graphic Recording auf Tagungen ist gefragt. Wir als Graphic Recorder sind Teil eines Trends.

Doch ist es nur ein kurzfristiger Trend, ein Hype, oder etabliert sich hier ein neuer Standard für Tagungen ähnlich dem Eventfotographen?

Ist Graphic Recording ein Hype oder hat es Zukunft?

Der Sinn von Graphic Recording

Knoten-im-Taschentuch
Das Graphic Recording ist wie ein Knoten im Taschentuch

Wertvolle Gedächtnisstütze

Über die Kommentare, die ich von Tagungsteilnehmern erhalte, steht es ausser Frage: für sie sind die Bilder wertvolle Gedächtnisstützen, wie Knoten im Taschentuch, die sofort Erinnerungen an das Event und seine Inhalte wachrufen; eine weitere und wertvolle Perspektive auf die vielen Inhalte einer Konferenz.

Fast wie ein Protokoll, aber schöner anzusehen

Kein Protokoll im herkömmlichen Sinn, aber mit mehr Spaß anzusehen. Und wird während des Tages mehrfach im Rahmen der Agenda auf das Bild hingewiesen, erfährt es seinen Platz, wird von den Teilnehmern als wichtig erachtet und mit seinen Inhalten entsprechend verankert.

Viel zur Wirkungsweise habe ich dazu im Menüpunkt „Wie funktioniert Graphic Recording und warum?“ geschrieben. Das macht Sinn.

Doch reicht „mehr Spaß“ für einen neuen Event-Standard mit Zukunft? Auf einer Tagung sind immer viele Menschen sehr von den Bildern begeistert, aber auch viele, die von den Bildern keine Notiz nehmen. Und damit komme ich zum Unsinn.

Der Unsinn von Graphic Recording

wo-ist-der-sinn-von-graphic-recording

Wuseliger Wimmelbild-Marathon?

Für viele wirken die Bilder faszinierend, aber doch chaotisch und schwer zu lesen: vollgepackt und wimmelig, meist ohne erkennbare Struktur und Zusammenhang, alle Gestaltungsgesetze ausblendend.

Der Schwerpunkt liegt oft auf der Erstellung von Kunst und weniger auf der visuell klaren Übermittlung von Information.

Auf manchen Veranstaltungen wird fast ein Marathon veranstaltet und meterweise wimmelige Kunst erstellt, je mehr, desto besser.

Natürlich sorgen sie für einen Wow-Effekt, machen neugierig, man geht auf Entdeckungsreise, aber vielen wäre oft ein normales Protokoll lieber. Zu schnell verliert man sich im Labyrinth des Gewusels.

Kunst ist eben nicht leicht verdaulich.

Wer ist der Star: das Bild oder der Graphic Recorder?

Was mir oft auffällt: Tagungsteilnehmer sind mehr begeistert von der Leistung des Graphic Recorders, von der Person und dem Tun, als vom Ergebnis. Nicht das Bild steht im Vordergrund, sondern die „unglaubliche Leistung des Recorders“. 

Natürlich nehmen wir das wertschätzend zur Kenntnis, aber ist das der Zweck des Graphic Recordings?

Das ist doch nur Eventmickeymouse!

Kinderzeichnung für Erwachsene?

Immer öfter höre ich Kommentare wie „Kinderzeichnungen für Erwachsene„, „Eventmickeymouse„, „strukturlos„, „kann ich nichts mit anfangen„, „hübsch, aber sinnlos„, „am Anfang war es interessant, mittlerweile ist es langweilig„, „unleserlich„.

Das ist es, was mir zunehmend mehr Tagungsteilnehmer erzählen, wie sie Graphic Recording wahrnehmen. Mit diesen Kommentaren muss man umgehen können und sie sind auch oft durchaus berechtigt.

Ich hatte auch schon Kundenanfragen mit der Bedingung, „um Himmelswillen kein Wimmelbild mehr zu schaffen„.

Persönlich sehe ich den kommunikativen Mehrwert meterlanger bunter Illustrationsexzesse als eher gering an. Ich denke, eine Ablehnung kommt hier vor allem von Menschen, die klare Sturkturen bevorzugen, die mehr Wert auf Ratio als auf Emotionalität legen. Und – so meine Erfahrung – das können durchaus 30% sein.

Eventdekoration?

Wenn zudem das Graphic Recording nur so nebenbei herläuft und keine Einbindung in die Agenda erfährt, ja nicht einmal erwähnt wird, dann sind wir hier definitiv beim Unsinn angelangt: Graphic Recording ist Eventdekoration, Hauptsache ein paar bunte Bildchen.

Wenn es nicht offiziell wertgeschätzt wird, wie soll es dann seinen Platz unter den Teilnehmern finden? Das hat auch den Namen Graphic Recording nicht mehr verdient, sondern sollte eher Eventillustration heißen.

Natürlich hat auch das seine Berechtigung und wir können damit Geld verdienen, nur ist es eine andere Art der Dienstleistung. Nicht alles, wo ein Stift verwendet wird, ist oder kann Graphic Recording sein.

Wir sind keine Supermänner- und frauen und kämpfen immer mit der Realität!

Was-ist-wichtig

Der Sinn der großen Bilder ist es, aus der Flut an Worten komplizierte Inhalte reduziert und auf die Kernaussagen fokussiert wiederzugeben. Visuell klar zu informieren und nicht zu verwirren. Den Tagungsteilnehmern einen Weg durch den Dschungel an Worten zu zeigen.

Wie kann ich als Graphic Recorder im Moment wissen, was im Rückblick wichtig sein wird?

Und darin liegt genau das Problem: Wie kann ich als Graphic Recorder im Moment wissen, was im Rückblick wichtig sein wird? Gleichzeitig nicht genau wissend, was noch kommen wird; ausgeliefert einer Rede, einer Diskussion, einem Workshop, mehr oder weniger strukturiert.

Selten sind wir ein Experte für die Materie. Damit ergibt sich automatisch eine mehr oder weniger chaotische Wimmelstruktur. Wäre es anders, wären wir alle Superfrauen und -männer.

Natürlich hilft einem die Erfahrung dabei, die Struktur zu finden, aber es ist unmöglich, in die Zukunft zu blicken. Dazu kommt: ein gut gegliederter Vortrag oder ein gut moderierter Workshop werden auch ein gut geliedertes Graphic Recording.

Meist hat man es aber eher mit weniger gut gegliederten Vorträgen zu tun und Workshops sind schon für die Moderation eine fast unlösbare Herausforderung.

Die Zeit ist immer zu knapp!

Wie oft muss ich nach der Rede oder der Plenumspräsentation auf die Minute fertig sein? Keine Zeit mehr für eine kleine Nachbearbeitung.

Gut Ding braucht Weil, hieß es schon in der Vergangenheit und es gilt auch noch heute. Aber es ist, wie es ist. Wenn die Zeit nicht vorhanden ist, muss ich das akzeptieren und mich darauf einstellen.

Ich merke allerdings, dass die Recordings, für die ich ausreichend Zeit hatte, auch viel besser beim Publikum ankommen.

Was Kunden wollen und nicht wollen

Dann gibt es die unterschiedlichsten Anforderungen von Kunden:

  • Die einen wollen ein schönes Bild, möglichst bunt, möglichst viele Illustrationen, die Struktur ist egal, am liebsten kein Text, also Kunst.
  • Andere Kunden wollen das Gegenteil: Informationsverdichtung und klare Kommunikation mit Zusatznutzen für die Zeit danach.

Unser Ego macht es nicht einfacher

Was es nicht einfacher macht, ist unser persönlicher Ehrgeiz als Graphic Recorder, möglichst große Bilder möglichst illustrativ mit möglichst vielen Details zu schaffen.

Oft vergessen wir, wie andere das „lesen“ sollen, so begeistert sind wir von unserer Zeichnerei. Doch sind diese Bilder naturgemäß häufig unübersichtlich, denn weniger ist halt doch meist mehr.

Stellen wir uns die Frage: Bin ich verspielter Illustrator oder Botschafter der klaren Information? Wo bleibt unsere Kundenorientierung?

Wie könnten Lösungen aussehen?

Lösungen

Kernaussagen vorab ermitteln?

Ideal wäre es, wir könnten uns mit jedem Vortragenden über seine Kernaussagen unterhalten. Leider funktioniert das in der Praxis aus organisatorischen Gründen oft schon nicht.

Selbst die Durchsicht der Folien hilft nicht viel, denn gesagt wird gerne etwas ganz anderes oder die Schwerpunkte sind anders gesetzt.

Bei Podiumsdiskussionen, Worskhops etc. würde dieses Vorgehen sowieso nicht funktionieren. Bei diesem Vorgehen besteht auch die Gefahr, nicht mehr objektiv das aufzunehmen, das gerade passiert, sondern zu versuchen, eine vordefinierte Meinung wiederzufinden und zu visualisieren.

Das Graphic Recording danach?

Eine andere Möglichkeit könnte es sein, nicht mehr live zu arbeiten, sondern mehr ein Post-Graphic Recording zu erstellen. Das habe ich auch schon ein paar Mal gemacht, und es wird in der Tat viel besser, aber es hat nicht mehr den Reiz der Live-Zeichnung, steht am Ende der Veranstaltung noch nicht zur Verfügung, und ist insgesamt viel mehr Arbeit.

Die Inhalte müssen in der Rückschau bewertet und gefiltert werden. Ein 8 h-Tag wird dabei schnell zu einem 12 h-Tag und geht physisch an die Grenzen. Oder man liefert es sowieso erst Tage später, aber dann sind es auch mehr Kosten. Für Workshops ist es für mich in der Tat die einzig optimale Variante, aber selten zu verwirklichen.

Doch was immer möglich sein sollte: nach der Rede mit Farbe und weiteren illustrativen Tricks die Schwerpunkte zu definieren und das Auge zu führen.

Zu zweit arbeiten?

Eine dritte Möglichkeit: man arbeitet zu zweit: der eine filtert die Inhalte, der andere konzentriert sich nur auf die Zeichnung. Das scheitert aber fast immer an den Kosten, könnte aber eine gute Lösung sein.

Manchmal nutze ich den parallel laufen Twitterfeed und ziehe daraus die eine oder andere gute Aussage.

Fazit: es ist an der Zeit für Graphic Recording erwachsen zu werden

Ordnung-in-der-Unordnung

Graphic Recording per se ist live, und live enhält immer Unplanbares. Daher sehe ich derzeit keine praktikable Lösung, die alle Einsatzszenarien optimal abdecken kann. Live  wird damit mehr oder weniger wimmelig bleiben.

Erst in der Rückschau kann ein wirklich effektives und strukturiertes Recording erstellt werden, aber das ist es kein Graphic Recording im klassischen Sinne mehr.

Kundenberatung und Vorbereitung

Daher ist die intensive Kundenberatung wichtig, was kann und soll mit dem Graphic Recording erreicht werden? Dazu kommt die Auseinandersetzung mit den Inhalten und der Zielsetzung. Eine gute Vorbereitung ist das A und O.

Wo ist das Feedback, das uns weiterbringt?

Ordnung in die Unordnung bringen: Selbstkritik

Auch können wir Graphic Recorder uns nur selbstkritisch an die eigene Nase fassen und versuchen, mehr Ordnung in die Unordnung zu bringen. Nie sehe ich, das wir selbst Kritik an unserer Arbeit und der von Kollegen üben. Wo ist das Feedback, das uns weiterbringt?

Mal ehrlich: Nicht alles, was man mit Stift zu Papier bringt, ist auch gut.

Graphic Recording ist eine junge Disziplin mit viel Potential für die Zukunft

Dabei gibt es genug Regeln, die wir beachten könnten (7 Kriterien für gutes Graphic Recording): Mit gut erkennbaren Überschriften arbeiten, Akzente mit großen Keyvisuals setzen, Farbe zur Orientierung und Gliederung verwenden, Typographie für die Leitung des Auges einzusetzen und die bekannten Gestaltungsgesetze so wenig wie möglich zu verletzen.

Dann werden die negativen Kommentare weniger, wir können noch mehr Menschen begeistern und stellen Graphic Recording auf ein stabiles Fundament für die Zukunft. Denn es ist zu wertvoll, um es aufs Spiel zu setzen.

Alles in allem, Graphic Recording ist immer noch eine sehr junge Disziplin und noch nicht aus den Kinderschuhen heraus. Ich bin gespannt, wie es sich weiterentwickeln wird und wie es aussieht, wenn es erwachsen ist.

Kategorien
Graphic Recording

Wie könnte die Zukunft von Graphic Recording aussehen?

Diese Frage beschäftigt mich seit Beginn meiner Tätigkeit als Graphic Recorder. Etwas, das es so vorher nicht gab, ist plötzlich extrem gefragt. Und so sehr mich die momentane Entwicklung freut, und auch der allgemeine Trend zur Visualisierung, hat das so eine Zukunft oder muss es sich weiter entwickeln? 

Die Situation heute

Ein klassischer Firmenevent besteht aus Technik, Catering, Fotograf, Moderator und seit ein paar Jahren auch aus dem Graphic Recorder. Für viele ist er immer noch neu, für viele schon altbekannt. Wenn mich Agenturen anrufen und ein Angebot für einen Event mit Graphic Recording abgeben wollen, weil sie etwas Neues und Kreatives anbieten wollen, runzle ich die Stirn. Der Zug hier kreativ und innovativ sein zu wollen ist – leider  – abgefahren.

Einerseits hat das normale Graphic Recording durchaus seine Berechtigung, es erlaubt eine emotional ansprechende und auch gut aussehende Zusammenfassung des Tages. Es spricht Menschen an und das Sehen der Entstehung ist für viele extrem faszinierend. Als analoges Bild ist es ein angenehmes Gegengewicht zu digitalen Zeit. Das Graphic Recording ist immer ein Highlight und beliebtes Fotomotiv. Als Bild kann es später gut aufgehängt werden und ist ein schöner und gleichzeitig nachhaltiger Wandschmuck. Aber hat das eine langfristige Zukunft? In der Häufigkeit, wie es derzeit gebucht wird? In einer boomenden Wirtschaft spielt das Geld keine Rolle, aber wenn die Gürtel enger geschnallt werden müssen, wo wird dann wohl eingespart?

Für mich persönlich scheint der Peak des Graphic Recording erreicht. Es gibt unzählige Anbieter, die sich auf dem Markt tummeln oder immer noch auf den Markt drängen. Die Qualität der angebotenen Leistung ist extrem unterschiedlich. Es ist Zeit, das Graphic Recording für die Zukunft bereit zu machen und weiter zu entwickeln.

Most-important-tool-of-an-analyzing-recordder

Wie kann das Morgen aussehen?

Die zentrale Frage ist immer: welchen Mehrwert bietet eine Dienstleistung für den Kunden, so dass er bereit ist, Geld dafür auszugeben?

Keine Wimmelbilder mehr

Bei meinen Auftraggebern merke ich einen eindeutigen Trend. Sie wollen zwar ein Bild, aber eines, das auch in Jahren immer noch gut lesbar ist, das man anschauen und verstehen kann, selbst wenn man nicht auf dem Event war, das einen Mehrwert in dem Sinne anbietet, dass es Information aufbereitet, strukturiert und verständlich kommuniziert. Ein Bild, das deutlich spricht, das das Auge führt. Sie wollen – wie ein Kunde sagte – um Himmelswillen kein Wimmelbild mehr!

Und hier kommt das Live-Graphic Recording naturgemäß an seine Grenze, das meist durch eine Wimmelbild-artige Unübersichtlichkeit gekennzeichnet ist. Ich nehme mich hier nicht aus. Wenn ich nicht weiß, was kommt, kann ich nicht planen. Der Reiz, simultan zum Geschehen zu zeichnen ist auch gleichzeitig das größte Problem nach dem Event.

Erst vor kurzem hatte ich einen potentiellen Kunden am Telefon, der meinte, er habe schon viele Graphic Recordings beauftragt, aber er suche jetzt eine Form der Visualisierung, die er auch auf weitere Events mitnehmen könne. Die Bilder müssen für sich selbst sprechen. Ein Bild, das drei Tage Event zusammenfasst, analysiert und auch transportiert. Graphic Recording vor Ort sei gut, aber es würde ihm nicht mehr reichen.

Please-analyze-it

Strukturierte visuell gestützte Analyse oder Zusammenfassung

Und ich denke, er hat mir damit aus dem Herzen gesprochen. Was viele meiner Auftraggeber immer öfter wünschen ist eine analytische Reflektion der Inhalte, strukturiert und visuell attraktiv. Dazu muss der Event natürlich auch die Zeit zur Verfügung stellen.

Viele meiner letzten Aufträge bestanden aus analytischem Graphic Recording oder auch von mir einfach so jetzt genannt aus Analyzing Recording. Es war nicht mehr live: ich habe zugehört, Notizen gemacht, mit den Teilnehmern gesprochen und dann eine visuelle Auswertung erstellt, inklusive Vortrag. Das Bild hatte eine klare Struktur, die so ein Live-Bild nie erreichen kann. Das war zwar vorher mit dem Kunden so nicht abgesprochen, er hatte „normales“ Graphic Recording gebucht, aber so hat es sich schnell als einzig sinnvolle Möglichkeit herauskristallisiert.

Analyzing-the-situation

Analyzing Recording kurz erklärt

Für ein Bild dieser Art war ich nicht mehr nur der „Künstler, ich war der Beobachter und Berater. Ich habe gewichtet und bewertet, analysiert und visualisiert. Am Ende gab es ein Bild, das so viel mehr war, als NUR ein Graphic Recording. Es war eine visuelle gestützte Auswertung, die etwas sichtbar machte, was so vorher nicht sichtbar war. Das Feedback war bisher immer überwältigend und diese Art der Visualisierung ist – für mich – die Zukunft des Graphic Recording: Information zu sortieren, zu analysieren und visuell aufzubereiten.

Fast eine Art visuelle Beratung: Zuhören – Notieren – Sortieren – Auswerten – Visualisieren – Erklären – die Richtung weisen = Analyzing Recording

Ihr Wolfgang Irber
Analyzing-Recording-is-the-future

Kategorien
NoIndex

Graphic Recording in München – wenn die analoge und die digitale Welt zusammenkommen

Lokation: der Parkhotel in München. Bei meinen Kunden beginnen sich die Anforderungen zu wandeln. Einerseits möchten Sie immer noch ein Graphic Recording, andererseits wollen Sie auch eine Analyse der Ergebnisse, vor allem bei Workshops.

So auch bei diesem Kunden, der im schicken Hilton Park in München einen globalen Event seiner Führungsmannschaft abhielt und mich für eine Mischung aus Vorträgen und Workshops buchte.

Das Graphic Recording für die Vorträge

Für Vorträge ist das „normale“ Graphic Recording immer noch die beste Lösung. Optimal war für mich, dass vom ersten Vortragenden die Bild-Metapher eines Dinosauriers gesetzt wurde.  Das war eine Steilvorlage und das Recording begann im Laufe der beiden Tage von Dinosauriern zu wimmeln. So etwas lässt das Recording immer besonders werden, denn es spornt die Betrachter dazu an, alle Dinosaurier zu suchen und so nebenbei das Bild zu entdecken.

Wolfgang-Irber-beim-Zeichnen-2018
Man merkt, ich freue mich beim Zeichnen eines der vielen Dinosaurier

Die Analyse für die Workshops

In acht Workshops ging es um die Frage nach der Lösung eines Problems, erarbeitet in jeweils 4 Runden mit unterschiedlichen Mitarbeitern. Insgesamt war ein ganzer Tag dafür reserviert, verteilt auf zwei Tage. Das „normale“ Graphic Recording war hier unpassend, allein schon aufgrund der enormen Informationsfülle. Daher hatte ich dem Kunden ein anlytische Workshopvisualisierung vorgeschlagen. Wie ist die Fragestellung, was ist das Problem und wie könnte die Lösung aussehen? Für die Präsentation der Ergebnisse dachte ich an einen kleinen Vortrag, der mit humorvollen, aber plakativen Zeichnungen arbeitet und die Situation vereinfacht auf den Punkt bringt.

what-stopped-you
Das letzte Bild aus dem Analyzing Recording: und wieder ist ein Dinosaurier dabei

Wie bin ich vorgegangen?

Da jeder Workshop insgesamt viermal abgehalten wurde, hatte ich Zeit, jedes Thema zu verstehen und mir auch von den Workshopleitern die Inhalte erklären zu lassen. Am Abend des ersten Tages waren genügend Notizen vorhanden, um die Auswertung zu starten und die Visualisierung vorzubereiten. Es wurde ein langer Abend, vor 24 Uhr kam ich nichts ins Bett. Auf meinem Surface habe ich in OneNote zuerst die Daten aus meinem Notizbuch in Tabellenform zusammengefasst und ausgewertet, und dann in Photoshop die Zeichnungen erstellt. Auch am nächsten Tag sind noch weitere Daten zusammengekommen und ich habe die Bilder während der Workshops und der Pausen „on the go“ vollendet.

Die Präsentation der Ergebnisse

Mein Vortrag der Workshopergebnisse war zum Ende der Veranstaltung vorgesehen. Sicherheitshalber wollte der CEO die Bilder vorher noch sehen, hatte aber keine Einwände, ich konnte starten. Mein Vortrag selbst dauerte ca. 20 Minuten. Ich denke, es war auch für die Teilnehmer spannend, noch auf der Veranstaltung eine pointierte Zusammenfassung der vielen Workshops im Kontext zu sehen. Dabei versuche ich immer – anonymisiert – die ganze Erfahrung aus anderen Firmen mit einfließen zu lassen. Natürlich beschränke ich mich auf die großen Trends, doch das alleine ist schon interessant genug zu sehen, was machen wir und was macht der Rest der Welt?

Eine Auswahl der digital auf dem Surface in Photoshop gezeichneten Bilder für den Vortrag: blau ist das Problem, gelb ist die Lösung. Zuerst wurde von mir nur das blaue Bild, dann das gelbe Bild gezeigt.

Die Detailauswertung hat die Firma später selbst gemacht, aber mit der Analyse wurde das Problem bereits beschrieben und die Lösung skizziert: kurz, knapp, unterhaltsam und hoffentlich gut zu merken.
Nach dem Event kam eine Dankes-Email meines Auftraggebers mit der Ankündigung, all meine Bilder als Wanderausstellung um die Welt zu schicken. Ich habe mich sehr gefreut!

Ihr Wolfgang Irber

Ein paar Bilder mit weiteren Details zum Graphic Recording. Das ganze Bild kann ich aus Gründen der Vertraulichkeit nicht zeigen. Dazu das Feedback des Kunden.

Kategorien
Graphic Recording

Mein bisher schwierigstes Graphic Recording: ein Ausflug in die verrückte Welt der Quantenphysik

Im Februar erhielt ich einen Anruf, ob ich mir vorstellen könnte, eine Tagung zum Thema Quantenphysik mit Graphic Recording zu begleiten? Natürlich habe ich erst einmal geschluckt. Was für eine Herausforderung! Doch auch sehr reizvoll: wo sind die Grenzen der Visualisierung? Ist das machbar? Meinem Bauchgefühl folgend habe ich ja gesagt, allerdings – so habe ich es offen kommuniziert – könne ich keine Garantie geben… damit war mein Auftraggeber einverstanden.

Die Vorbereitung

Normalerweise brauche ich nicht viel bis gar keine Vorbereitung. Aber hier war alles anders. Einen Monat vor der Tagung begann ich in die Welt der kleinsten Teilchen abzutauchen. Zwar war ich durch meine naturwissenschaftliche Ausbildung im Vorteil, aber Quantenphysik bleibt Quantenphysik. Viele Stunden Videos auf Youtube mit Harald Lesch und Anton Zeilinger sowie zahlreiche Artikel im Internet später fühlte ich mich ausreichend informiert. Die Vorbereitung hatte Spaß gemacht und mich auf den neuesten Stand in der Quantenphysik gebracht. Ein wirklich faszinierendes Thema. Leider durfte ich Quantenphysik im Freundeskreis nicht anschneiden und auch meine Familie winkte immer gleich ab 🙁

Da ich die Abstracts aller Vorträge bekommen hatte, konnte ich vorab die Kernaussagen herausarbeiten. Alles andere würde sich dann vor Ort ergeben. Hoffentlich.

es-wird-ernst
Langsam wird es ernst oder die Ruhe vor dem Sturm…

Am Tag der Veranstaltung

Ich war aufgeregt und nervös wie schon lange nicht mehr. Dank der intensiven Vorarbeit konnte ich den Fachvorträgen auf Englisch relativ gut folgen und versuchte – wie schon an der FAU in Erlangen (Link zum Blogeintrag) – die Kernaussagen in Cartoon-Form zu reflektieren, garniert mit sachlicher Information. Ich war erstaunt, wie weit die kommerzielle Anwendung fortgeschritten ist und wie sie unser Leben in den nächsten 10 Jahren verändern wird. Als ich vor 12 Jahren noch Kurse zur Kryptographie abhielt war der Quantencomputer eine Illusion: Heute ist er Realität!

Dass ich mit meiner Visualisierung den Nerv getroffen haben muss, zeigte die Reaktion der Physiker, die in der Pause lachend und sich freuend vor meiner Zeichenwand standen. Viele Fotos wurden gemacht und zahlreiche nette Gespräche haben sich ergeben. Unter dem Hashtag #ZS2018 habe ich später auf Twitter (Link) ein paar der Bilder wiedergefunden und mich sehr gefreut.

Am Abend wurde die Zeichenwand in den großen Saal mit dem Buffet getragen, wieder vielfach fotografiert und gerne für Selfies genutzt. Ich habe mein Bier entspannt genossen und mit Erleichterung quantenphysikalischen Smalltalk mit einer Gruppe junger Physiker gehalten.

P.S. Gut, dass die Gesetze der Quantenphysik nicht auf das Graphic Recording anwendbar waren, sonst wäre das Bild im Sinne der Heisenberg’schen Unschärfebeziehung bei näherer Betrachtung immer stärker verschwommen 😉. Das war der „running gag“ bei den betrachtenden Teilnehmern.

Kategorien
Vortrag

Warum ein Graphic Recording auch immer erklärt werden sollte

Als ich vor vielen Jahren mit der Live-Visualisierung auf Veranstaltungen anfing, war ich mehr ein nettes Gimmick, jemand der lustig zeichnet und visuelle Unterhaltung in den Tag bringt. Teilnehmer fanden das Bild interessant, lustig oder einfach nur schön, aber ich blieb eine Randerscheinung. Das Bild hatte keinen Platz in der Veranstaltung und so war das Graphic Recording zwar da, aber nicht wirklich im Bewusstsein der Teilnehmer. Schade um die Zeit und auch schade um das Geld, dachte ich oft.

Mein Vorschlag

Irgendwann habe ich angefangen den Organisatoren vorzuschlagen, ob ich das Bild nicht auch erklären könnte? Anfangs erntete ich eher ungläubiges Staunen: „Können Sie das überhaupt?“ „Wollen Sie wirklich vor den Teilnehmern sprechen? Auf der Bühne?“ „Das ist aber auf Englisch!“ „Mehr als 15 Minuten können wir Ihnen aber nicht geben!“ Doch das Feedback der Teilnehmer zeigte mir, wie wichtig die Erklärung ist.

Wolfgang-Irber-erklärt
Ich stehe auf der Bühne mit den Vorständen und erkläre mein Bild. Eine Kamera zeigt die Details auf Großleinwand. Im Podium sitzen ca. 250 Teilnehmer aus aller Welt.

Wie es heute ist

Heute biete ich die Erklärung immer mit an – und meist wird sie auch gebucht. Wenn es dann soweit ist, wird das Bild über eine Kamera übertragen.

Oder ich fotografiere das Bild bzw. Ausschnitte daraus vorher ab und zeige sie über den Beamer in maximaler Größe. Dabei erkläre ich nicht nur das Bild, sondern ich erzähle eine Geschichte, spanne den Bogen zu globalen Trends, lasse alles einfließen, was ich der Welt der Unternehmen so erlebt habe.

Manchmal stehe ich im Dialog mit der Geschäftsführung, manchmal mit dem Moderator, meist aber gehört mir die Bühne ganz allein.

Feedback der Teilnehmer

Interessant ist immer das Feedback der Teilnehmer am Ende der Veranstaltung:

Ihre Zusammenfassung war für mich extrem wichtig. Durch die Erklärung hat das Bild für mich an Bedeutung gewonnen und ich habe verstanden, warum sie die Dinge so gezeichnet haben.

Sie haben die Balance gehalten zwischen humorvoller Unterhaltung und den Finger auf die Wunde legen.

Ihre Bilder sind lustig und unterhaltsam, und gleichzeitig treffen Sie immer den Punkt.“

Einmal meinte jemand zu mir:

Sie waren für mich wie Gerhard Polt!

Fazit

Ob der Gerhard Polt ein Kompliment war, weiß ich nicht. Doch eines habe ich gelernt: Ein Bild sagt zwar mehr als 1000 Worte, aber auch ein Bild muss erklärt werden. In der Kunst ist es nicht anders, und dort gibt es den Audio-Guide oder die Museumsführung.

Mehr zu meinem Angebot an Graphic Recording

Kategorien
Visions-Visualisierung Workshop-Visualisierung

Wie Sie mit Workshop-Visualisierung einen Strategieworkshop schneller zu Ergebnissen führen

Ein langjähriger Kunde kam im Januar zu mir und sagte: „Herr Irber, wir haben bald wieder unseren Strategieworkshop. Ich will mal nicht in Beliebigkeit sterben, sondern Ergebnisse sehen. Können Sie mir helfen?“ Wer kann hier nein sagen?

Das Workshop-Problem

Worauf in diesem Fall angespielt wurde: viele Workshops leiden unter dem immer gleichen Problem. Der Diskussion mit Bearbeitung von Themen wird großer Raum eingeräumt, der späteren Ausarbeitung mit strukturierter Weiterarbeit dagegen nicht. Viel wird diskutiert, aber es fehlt of an der Reduktion der Ergebnisse und der Verpflichtung zur Umsetzung. Mir war das schon häufig aufgefallen, wiederholt hatte ich die Organisatoren darauf angesprochen, aber genauso oft nur Schulterzucken geerntet: das sei halt so üblich.

Aussicht
Der Blick vom Hotel auf den Tegernsee
Strategiemeeting
der Auftakt ist gemacht

Die Lösung

Jetzt hatte ich die Chance, etwas zu ändern. Man traf sich an einem schönen Hotel im bayerischen Alpenland mit Blick auf verschneite Berge und den in der Sonne glitzernden See. Über zwei Tage war das Programm dicht getacktet und immer gleich: je drei Gruppen diskutierten 2 h lang ein Thema und erarbeiteten eine Zusammenfassung auf Flipcharts.

Meine Aufgabe war es, die Flipcharts aller Gruppen visuell aufzubereiten, d.h. die Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufzuzeigen und einen strukturierten Vergleich zu ermöglichen. Mein Verfahren für die visuelle Aufbereitung: je ein Vertreter aus jeder Gruppe erläuterte mir nach der Session die Ergebnisse, ich stellte ein paar Fragen, machte Notizen, dann sah ich mir alle Flipcharts nochmals an und bereitete eine erste Skizze, die ich schließlich visuell umsetzte. Dabei hatte ich freie Hand und vollstes Kundenvertrauen.

Natürlich reichte die Zeit nicht, alles untertags aufzuarbeiten. Der erste Tag war nur ein halber Tag, da kam ich besser um die Runden, am zweiten Tag war ich nicht vor Mitternacht im Bett. Am nächsten Morgen musste alles fertig sein. Zusätzlich hatte ich noch ein paar Sonderwünsche meines Auftraggebers zu erfüllen. Die Zeit kann knapp werden, ein Tag ist endlich.

Bilder-Ausgang
das Rohmaterial für meine Arbeit

Das Resultat

Am Morgen des dritten Tages wurden alle Poster mit meinen Zusammenfassungen von insgesamt 5 Runden oder einzelnen 15 Arbeitsergebnissen aufgehängt. Die Ergebnisse wurden von jedem Gruppenleiter kurz vorgestellt und anschließend in der großen Runde diskutiert. Das Feedback der Teilnehmer am Ende: die Visualisierung hat die Diskussion wesentlich effektiver machte. Und meine manchmal leicht ironische Reflektion hätte sie verstärkt zum Nachdenken gebracht. Der Wechsel der Perspektive und ein Bild vor Augen zu haben hilft. Auch hier. Zum Schluß: es gab belastbare Ergebnisse für die strategische Richtung und Umsetzung. Ziel erreicht.

Mein Resümee

Was war der Unterschied zu normalem Graphic Recording? Der Stil ist ähnlich, aber das Vorgehen ist anders, eben analytisch, und daher nenne ich es Workshop-Visualisierung. Und das Ergebnis – finde ich – ist wertvoller. Dennoch, es war extrem anstrengend gewesen. Ich musste nicht nur wie sonst einen Strom an Information filtern und reduzieren, sondern mich schnell in die verschiedenen Themen einarbeiten, dann auswerten, vergleichen, reduzieren und visualisieren. Erschöpft fuhr ich am Ende der drei Tage nach Hause. Aber mit dem Gefühl, wirklich geholfen zu haben.

die-Lobby
ein schöner Blick im Pausenraum
Kategorien
Graphic Recording

Graphic Recording trifft auf Wissenschaft – ein ganz besonderer Auftrag an der Universität Erlangen-Nürnberg

Die Freude war groß, als mich die Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg als Graphic Recorder für die 2-tägige Jubiläumsveranstaltung zur 275-Jahr-Feier auswählte. Mal wieder nach langer Zeit Uniluft schnuppern, die ich schon etwas vermisse. Als Ex-Naturwissenschaftler war ich gespannt auf zwei Tage in Englisch gehaltene wissenschaftliche Vorträge aus unterschiedlichen Disziplinen, hoffentlich allgemeinverständlich aufbereitet für ein gemischtes Publikum.

Die Panik

Meine Zeichenwand war aufgebaut, das Papier aufgezogen, der erste Vortrag wurde gehalten. Voller Erwartung zückte ich den Stift, doch bereits nach den ersten Minuten stieg Panik in mir hoch: Um Gottes Willen, wie soll ich das visualisieren? Der Eröffnungsvortrag war eine wissenschaftliche Medizin-Präsentation aus der molekularen Physik und Biologie, gespickt mit Abkürzungen. Was ist die Kernaussage? Was ist das Thema? Ich verstand das Konzept, aber von den Details nicht viel. Eine Idee musste her. Schnell.

simulation
Die Rolle der Simulation in Wissenschaft und Gesellschaft

Die Lösung

Normalerweise visualisiere ich live. Hören und zeichnen. Ganz untypisch nahm ich hier Stift und Buch zur Hand, setzte mich auf den Stuhl neben meiner Zeichenwand und begann – angestrengt zuhörend – Notizen zu machen. Langsam erschloss sich mir der Inhalt. Mehr intuitiv als rational überlegend zeichnete ich daraus einen Cartoon mit leicht ironisch-humorvoller Reflektion der Kernaussage oder zumindest dessen, was ich dafür hielt.

Als ich damit fertig war und der erste Vortrag zu Ende, merkte ich: das kann die Lösung sein. Meine Panik legte sich. Zwar war ein „normales“ Graphic Recording aufgrund der Informationsfülle und Komplexität hier völlig unmöglich. Aber die Reduzierung auf einen Cartoon gab mir die Freiheit anfangs zuzuhören und Ideen zu entwickeln. Die beste Idee wurde dann von mir visuell umgesetzt. Jeder Vortrag dauerte mindestens 30 min und gab mir ausreichend Zeit: 15 min zuhören und dann zeichnen.

Das Ergebnis

So habe ich an jedem Tag 3 Meter Bild geschaffen, gespickt mit Cartoons und wichtigen Sätzen. Die Resonanz war sehr positiv. Auch von den Referenten, die sich für meine Arbeit interessierten. Prof. Dr. Rafael Popper vom VTT in Finnland schrieb in einer Email an mich:

Dear Wolfgang, Many thanks for the excellent visualization of my talk! I really liked it 🙂 Best regards, Rafael.

Prof. Dr. Rafael Popper

Besonders gefreut hat mich auch Herr Klaus Uckel von der DLR, der in seinem Vortrag am Ende des Tages auf viele Elemente des Bildes spontan Bezug nahm.
Gerne würde ich jetzt im Nachhinein mit allen Vortragenden sprechen, ob ich den Kern des Themas richtig getroffen habe. Ich werde es wohl nie erfahren.

all-fake
selbst hier war der blonde Mann präsent
Maskottchen
das Maskottchen der FAU

Kategorien
Graphic Recording

Vor- und Nachteile von digitalem Graphic Recording

Seit ein paar Monaten steigt plötzlich die Nachfrage nach digitalem Graphic Recording. Jahrelang war es vielleicht eine Anfrage im Jahr, jetzt sind es schon fünf Anfragen in drei Monaten.
(Update vom 22.4.2020: mittlerweile sind 80% aller Aufträge digital. So schnell kann es gehen)

Anders als beim analogen Recording, das mittlerweile ein gewisse Routine hat, ist beim digitalen Einsatz jeder Auftrag etwas Spezielles, denn die Technik erfordert eine gute Planung. Es muss in jedem einzelnen Fall genau nach dem Einsatzzweck gefragt werden, nur dann kann man sich die optimale digitale Umsetzung überlegen. Und eine wesentliche Erfahrung habe ich schon gemacht: es ist viel anstrengender, als auf Papier zu zeichnen.

limitation

Ein Beispiel für digitales Graphic Recording

Eine klassische Leadership-Konferenz mit vielen Workshops und Aktivitäten in verschiedenen Räumen über zwei Tage. Eine fest aufgebaute Zeichenwand war wegen der vielen Ortswechsel unbrauchbar und ich schlug das digitale Recording vor.

Allerdings hatte ich nicht bedacht, dass wegen dem vielen Hin und Her auch kein normales Sitzen möglich ist. Digitales Recording im Stehen und Gehen: unmöglich. Also mußte ich zuerst mit dem Stift auf Papier, ganz analog, die Notizen im Stehen machen. Erst in den Workshop-Zeiten, in denen es für mich nichts aufzunehmen gab, habe ich mir eine ruhige Ecke gesucht und die digitale Visualisierung der Kernaussagen durchgeführt. Oder in anderen Worten: für mich gab es nie eine Pause.

Am Ende der Tagung hatte ich 15 Minuten auf der Bühne, um alle Bilder in einem unterhaltsamen Vortrag vorzustellen und die Tagungsinhalte nochmals auf humorvolle Weise zu reflektieren.

Alle Einzelbilder habe ich nach der Veranstaltung für den Kunden zu einem großen Recording zusammengesetzt. Ich arbeite also nicht wie im analogen Recording mit einer großen Arbeitsfläche, sondern setze hier das große Bild wie ein Mosaik zusammen.

Doch was sind nun meine bisherigen Erfahrung? Was sind die Vor- und was die Nachteile?

value-contribution
dial-in-the-expert2

Die Vorteile beim digitalen Graphic Recording

  • Da es im oben vorgestellten Beispiel nicht live war, konnte man die Aussagen pointierter zusammenfassen, allerdings war auch am Abend des ersten Tages noch viel Arbeit bis spät in die Nacht notwendig
  • Wenn digitales Graphic Recording live ist, hat man mehr Möglichkeiten mit digitalen Tricks zu arbeiten, Unwichtiges kleiner zu machen und Wichtiges größer
  • Bei digitalem Graphic Recording, das auch live auf einer Beamerfläche neben der Hauptpräsentation gezeigt wird, arbeite ich immer mit Einzelbildern. Also pro Einheit oder Vortrag ein Bild.
  • Die Einzelbilder sind perfekt für die Präsentation und die Verwendung der im Nachgang
  • Es erlaubt leichtes Reisen und erfordert keinen zeitaufwändigen Auf- und Abbau der Zeichenwand. Keine Stifte müssen gepflegt und befüllt werden. Ich arbeite hier auf einem Microsoft Surface Pro4 mit Photoshop und Illustrator. Die allermeisten Kollegen bevorzugen allerdings das iPadPro. Zu Vor- und Nachteilen beider Technologien kann ich nichts sagen.
  • Fehler lassen sich verbessern
  • Man hat viel mehr gestalterische Möglichkeiten und kann auch die CI perfekt nachbilden
  • Das finale Großbild ist durch die flexible Möglichkeit der Gestaltung in der Regel wesentlich übersichtlicher als ein analoges Graphic Recording = großer Mehrwert

Die Nachteile beim digitalen Graphic Recording

  • Der Reiz der Live-Illustration entfällt bei vielen Aufträgen: oft findet die Visualisierung im Verborgenen statt und ist erst zum Schluss sichtbar. Man wird nicht mehr als „Künstler“ erkannt und angesprochen
  • Wenn die Visualisierung nicht auf einer großen Projektionswand gezeigt wird, entfällt der WOW-Effekt bei der Entstehung live dabei zu sein
  • Der Planungsaufwand ist insgesamt größer, da die Zeichenfläche kleiner ist
  • Vollkommene Abhängigkeit von der Technik, Backup ist schwierig
  • Digitales Zeichnung erfordert sehr viel Konzentration. Mehr als das analoge Recording. Technik verlangt mehr Aufmerksamkeit als der einfache Stift
  • Das Schreiben ist etwas langsamer als auf Papier, auch muss man sich sehr um eine ordentliche Handschrift bemühen. Manchmal muss man sich daher nebenher noch Notizen auf Papier machen.
  • Auf einer großen Papierfläche ist es einfacher ein großes Bild zu erstellen, digital verliert man hier schnell den Überblick. In der digitalen Welt muss man sich hier ein spezielles Konzept zurechtlegen, um sich nicht zu verlieren. Und wie immer: Übung macht den Meister!
  •  Wir die Zeichnung live gezeigt, sollten so wenige Menüpunkte wie möglich sichtbar sein. Ferne ist das übliche Hinein- und Herauszoomen beim digitalen Arbeiten für die Zuschauer störend und man sollte es vermeiden. In Photoshop läßt sich ein zweites Fenster aufmachen, das über den erweiterten Bildschirm gezeigt werden kann und nur das Bild zeigt, kein Zoomen, keine Menüs. Das beim iPad von vielen geliebte ProCreate habe ebenfalls einen speziellen Präsentations-Modus dafür.
  • Das digitale Zeichnen ist langsamer. Vor allem das Schreiben erfordert viel Disziplin!

Was ist besser für die Kommunikation von wichtigen Kernbotschaften? Analog oder digital?

Diese Fragen müssten eigentlich meine Kunden beantworten. Basierend auf den bisherigen Erfahrungen muss ich gestehen: es ist eindeutig das digitale Graphic Recording, da es viel besser strukturiert werden kann. Mir fällt oft auf, dass beim Recording auf Papier nur das Gesamtbild als Illustration bewundert und wahrgenommen wird, aber man kaum die Inhalte beachtet. Oft verkommt das Zeichnen auf Papier zum künstlerischen Event und dient mehr der Unterhaltung der Teilnehmer.

Dagegen ist beim digitalen Recording die Weiterverwendung mit der digitalen Grundlage viel einfacher. Selbst Fehler oder Mißverständnisse können vor der allgemeinen Verteilung noch leicht korrigiert werden. Das Bild hat dann mehr den Stellenwert einer offiziellen Kommunikation und wird intensiver genutzt.

Wolfgang Irber

Wolfgang-Irber-mit-Surface
Angestrengt beim Zeichnen. Nur noch wenige Minuten bis zur Präsentation…
ich-beim-Arbeiten
Digitales Graphic Recording, das nicht live, sondern in den Pausen als Diashow gezeigt wurde.

Weitere Blogeinträge zu digitalem Graphic Recording

Digitales Graphic Recording auf dem Kieler Symposium zur maritimen Strategie der Nato
Digitales Graphic Recording mit dem Microsoft Surface Studio
Digitales Graphic Recording oder das bessere Powerpoint
Digitales Post-Graphic Recording für die Entwicklungshilfe
Digitales Graphic Recording auf dem Grind-Startup-Talk
Digitales Graphic Recording auf dem Innovationsforum München