Bildquelle: Ein Großteil der Bilder wurde mir von der Pressestelle der DGU zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank dafür!
Der Job
Es galt, die Kongressteilnehmer über drei Tage zu drei Themen zu befragen und die Ergebnisse zu visualisieren.
- Wo siehst du die Urologie in 10 Jahren?
- Was bedeutet für dich Urologie verbindet?
- Was ist dein Game Change für eine nachhaltige Entwicklung der Urologie?

Für jede Frage gab es einen kleinen Block, auf dem die Kongressteilnehmer ihre Antwort schreiben konnten. Anfangs ging ich aktiv auf die Kongressteilnehmer zu und versuchte sie mit Charme zu überreden, ihre Antwort abzugeben. Immer bedurfte die Antwort einer weiteren Erklärung, das Geschriebene war für mich als urologisch Aussenstehenden nie selbsterklärend. So haben die Interviews gut ein Drittel meiner Zeit in Anspruch genommen.
Ich habe erfahren, was Urologen bewegt, wie sie sich sehen und wie sie die Zukunft ihrer Zunft bewerten. Herausgekommen ist ein einzigartiges Schlaglicht zu den urologischen Themen der Zeit.
Wie sagte einer so schön: „Wir sind ein lustiges Völkchen. Denn bei uns gibt es keine Scham, wir arbeiten immer unter der Gürtellinie.“





Die besondere Herausforderung: der Hintergrund
12 qm zu füllen ist keine alltägliche Aufgabe und es wurde definitiv das größte Bild meiner Karriere als Eventzeichner aka Graphic Recorder.
Allein wegen der Größe der Fläche war mir klar, dass ich hier einen neuen Weg gehen musste, um das Bild auch von der Ferne visuell attraktiv zu machen. Das erste Mal wollte ich daher mit großflächig angelegten Hintergründen arbeiten.
Die Dipersionsfarbe ist meine Wahl
Um einen großflächig farbigen Hintergrund zu bekommen, testet ich in den Wochen davor verschiedene Farben auf verschiedenen Untergründen. Schliesslich wählte ich Dispersionsfarbe, die in Anlehnung an die offiziellen Kongressfarben im Baumarkt angemischt wurde. Darauf wollte ich mit schwarzen und weissen Faserstiften zeichnen.
Die Köpfe als Leitmotiv
Das visuelle Leitmotiv der Tagung bestand aus einfachen Köpfen im Profil, die mit einem Pinsel gut auf die Fläche zu bringen waren. Knifflig waren die weissglänzend-lackierten Alu-DiBond-Platten, da eigentlich Kapaplatten für die Wand ausgemacht waren. Um eine gleichmäßig Deckung zu bekommen, musste ich die Farbe zweimal aufbringen und dazwischen einen Tag Trocknungszeit abwarten.
Und wieder muss es mein Edding sein
Was ärgerlicher war: Mit den Stiften von Neuland und Copic ließ sich auf der glatten DiBond-Fläche leider überhaupt nicht mehr arbeiten. Sie hinterliessen nur einen blassen Strich. Also musste doch wieder mein geliebter 0815-Edding einspringen, der mich noch nie im Stich gelassen hat, auf welcher Oberfläche auch immer.






Die Durchführung
Drei Tage hatte ich für die Visualisierung Zeit, plus einem halben Tag Vorbereitung. Rund 35 Einzelgespräche habe ich in dieser Zeit geführt, insgesamt wohl 300 min oder 5 h.
Am ersten Kongresstag füllten noch viele Gespräche mit den Kongressteilnehmern meine Zeit, die Hintergrundköpfe mussten trocknen und erst spät am Nachmittag begann ich die zeichnerische Umsetzung der Antworten.
Am zweiten Kongresstag „gab ich Gas“ mit der Visualisierung und führte weniger Gespräche. Am letzten Tag konzentrierte ich mich auf die Fertigstellung und investierte nur noch wenig Zeit in die Gespräche.
Selbst akrobatisch war ich gefordert. Um die 12 qm wirklich zu füllen, habe ich viel im Liegen für das untere Drittel gearbeitet und für das obere Drittel stand ich auf einer kleinen Leiter. „Dass Sie mir aber nicht runterfallen!“, sagte der Messebauer zu mir mit erhobenem Zeigefinger.





Meine Highlights
In den drei Tagen habe ich viel über die Urologie gelernt. Sie sind inder Tag ein „lustiger Haufen“, wie eine Familie und natürlich gibt es auch hier viele Themen der Verbesserung oder Veränderung.
Es gibt ein Problem in der Kommunikation untereinander (wo gibt es das nicht), zu anderen Fachbereichen und zwischen Klinik und Niederlassung, die Nachhaltigkeit könnte durch den Trend zu Wegwerfinstrumenten viel besser sein, die KI wird vieles in der Administration verändern, es gibt Schwierigkeiten ausreichend Nachwuchs zu finden und die Einzelpraxis ist keine Modell mehr für die Zukunft. Aber alles in allem ergab sich ein sehr stimmiges Bild und die Mehrzahl der Antworten war positiv und zukunftsfroh.



Spannend für mich war, wie sich einzelne Illustrationen mit der Zeit durch Kommentare weiter entwickelten. Zum Beispiel ist bei der Zeichnung zu „Urologie betrifft jeden“ jede Sprechblase ein eigener Teilnehmer-Beitrag.

Gleiches passierte bei der der Illustration zu „Urologie verbindet“. Einer meinte mit Schmunzeln: „Wenn du Spaß im Beruf haben willst, geh zur Urologie.“ Und so hat sich fast jede Illustration über die Tage weiter entwickelt.

Besonders amüsant fand ich einen älternen Urologen, der meinte, früher hätte er zu seinen Patienten gesagt, wenn sie nur einmal die Nacht aufstehen müssen, dann das ist gut. Jetzt ist er selbst in diesem Alter und er merkt, wie kreativ man in dieser schlaflosen Zeit sein kann. Jetzt sagt er: einmal ist super!
Ich selbst konnte diesen Rat gleich in die Tat umsetzen, da ich in Hotels mittlerweile eher schlecht schlafe. So habe ich um halb drei morgens im Bett erste Skizzen zu den Antworten gemacht. Klappte gut!

Mein Resümee zum Malen auf einem Hintergrund aus Dispersionsfarbe
Auf den Dispersionsfarben liess sich gut zeichnen, aber sie mussten auf der DiBond-Platte mindestens 12 h trocknen. Das wäre auf Kapa schneller gegangen. Technisch besonders herausfordernd war die unterschiedliche Oberfläche von Dispersion (rauh) zu DiBond (glatt).
Da die Dispersionsfarbe nicht wirklich trocken war, wenn ich zum Zeichnen anfing, schmierte auch gerne der Faserstift zu. Aber das war keine wirkliche Behinderung.
Würde ich es wieder so machen? Ich denke schon, wenn ich auch noch mehr experimentieren würde. Anfangs hatte ich noch zu Hause mit den extrabreiten Stiften von Neuland experimentiert, um den Hintergrund anlegen, aber schnell merkte ich, man bekommt keine gleichmässigen, sondern streifige Flächen, da es keine deckenden Farben sind. Und auf DiBond wäre ich mit Ihnen verloren gewesen.
Die extra angemischten Dispersionsfarben sind preislich in Ordnung, treffen genau den Kundenfarbton, sind leicht zu verarbeiten und völlig unproblematisch auf allen Oberflächen. Aber es muss eine Toilette in der Nähe sein, auf der man die Pinsel auswaschen kann, da sehr viel Wasser nötig ist.
Es war eine völlig neue Erfahrung für mich, bei einem „graphic recording“ Job auch mit richtigen Pinseln zu arbeiten, und ich genoss es. Ich fühlte mich mehr als Künstler als jemals zuvor.

Teilnehmerfeedback
Je weiter das Bild fortschritt, desto mehr Interesse zog es auf sich. Am dritten Tag standen oft fotografierende Teilnehmer links und rechts von mir, während ich noch gezeichnet habe.
Kurz zusammengefasst: Die Kongressteilnehmer liebten es. Viele kamen immer wieder, um ihre Antwort im Bild zu sehen. Einer war von dem Jungs-TÜV so begeistert, dass er mehrmals mit wechselnden Freunden kam, um es zu zeigen. Wie ich gelernt habe, ist Hodenkrebs bei jungen Männern ein großes Thema. Früher wurde er bei der Musterung zum Wehrdienst häufig entdeckt, jetzt eben nicht mehr.
Als ich einmal von der Pause zurückkam, hing ein Zettel mit einem Herz und Ausrufezeichen an der Wand. Ein anderes Mal hatte sich sogar jemand selbst aktiv mit Herz auf der Wand verewigt (ganz rechts in der Wand, neben der KI).

Was passiert mit dem Bild?
Wie ich erfahren habe, wurde es abgebaut und soll entweder in der DGU-Geschäftsstelle in Düsseldorf wieder aufgebaut werden oder an ein Krankenhaus gehen. Die große Fläche ist wohl eine Herausforderung, auch im Nachhinein.
Mein Dank
Als erstes möchte ich der DGU danken, die sich auf das Experiment eingelassen hat und mich auf dem Kongress herzlichst aufgenommen hat. Die Urologen sind in der Tag ein „besonderes Völkchen“. Ein großer Dank geht hier an die Pressestelle der DGU für die Überlassung der vielen wunderbaren Bilder.
Als zweites geht mein Dank an die Agentur Interplan, die mich hervorragend betreut und alles sehr professionell organisiert hat. Es gab wirklich nichts, was meine Ansprechpartnerinnen je aus der Ruhe gebracht hätte.
Und natürlich möchte ich auch allen aktiven Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmern danken. Ohne deren Mitwirkung hätte das Bild nie entstehen können. Besonders die Frauen haben sich hier – wie so oft – offener, neugieriger und kreativer gezeigt als die Männer.
Woran das wohl liegt? Eine meinte lächelnd: „Wahrscheinlich sind sie wir es durch den Umgang mit Kindern gewohnt, uns auf Neues einzulassen und damit spielerisch umzugehen“.
Vielleicht wäre das eine Lösung für den Umgang mit den Problemen in diesem Land.
Bilder
Pressestelle der DGU und eigene Aufnahmen
