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Visions-Visualisierung

Wie man ein überzeugendes Visionsbild erstellt: 12 Erfahrungswerte

Ein Rückblick aus 15 Jahren der Erstellung von Visionsbildern mit meinen persönlichen Erkenntnissen zu Erfolg und Misserfolg

2010 habe ich mein erstes Visionsbild gezeichnet. Damals noch auf Papier und mit Aquarellfarben, heute zeichne ich nur noch digital in Photoshop. Inzwischen sind rund 80 Bilder dazugekommen. Was habe ich daraus gelernt?

Zu Beginn ging ich sehr naiv an diese Aufträge heran. Ein Visionsbild war für mich die Illustration einer Vision, ein ganz normaler Auftrag. Dachte ich. Manchmal lief es gut, manchmal zäh, manchmal wurde es auf Wunsch des Kunden abgebrochen, ohne dass ich wirklich den Grund für Erfolg oder Misserfolg verstand.

Beispiele für von mir gezeichnete Visionsbilder

Mit den Jahren lernte ich dazu.

Ich las Bücher über Psychologie, Transformationsprozesse, die Kommunikation von Visionen, den Aufbau von Strategien, dem Unterschied von Vision zu Mission und der Kunst des Storytellings. Die Welt der Visionsbilder wurde immer klarer für mich, bis ich verstand, was diese so herausfordernd und auch so einzigartig macht. Und warum manche Projekte gescheitert sind und andere so erfolgreich waren.

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Ein Visionsbild braucht Zeit

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Bei meinen ersten Aufträgen hieß es oft: wir brauchen das Bild ganz dringend in zwei Wochen. Und ich ließ mich darauf ein. Es war immer Stress, und nie war ich mit dem Ergebnis des hektisch zusammengeschusterten Bildes zufrieden. Die Kunden offenbar schon, also machte ich weiter.

Heute weiß ich, dass ein gutes Visionsbild Monate reifen muss, mit viel Austausch mit dem Kunden und seinen Mitarbeitenden. Aufträge, die mir weniger als einen Monat Zeit geben, nehme ich nicht mehr an. Eine Vision ist 3-10 Jahre gültig, da sollte auch Zeit für die Visualisierung enthalten sein.

Warum es so lange dauert? Das liegt an den folgenden Punkten:

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Ein Visionsbild macht eine Zukunft sichtbar, die viele Kunden so konkret noch nicht beschreiben können

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Das ist sicher keine neue Erkenntnis, aber dieser Zustand der Ungewissheit ist bei der Erstellung von Visionsbildern ein zentrales Thema. Denn wie kann ich ein Bild der Zukunft zeichnen, wenn die meisten Kunden die Zukunft nicht konkret beschreiben können?

Das ist jetzt kein Vorwurf an die Kunden, sondern liegt in der Natur der Sache. Eine Vision ist meist nur eine vage Idee, die es zu konkretisieren gilt.

Um diese Klarheit beim Kunden zu generieren, braucht es viele Fragen, und Zeit. Das Wort Warum ist ein wichtiges Werkzeug.

Die direkte Kommunikation mit den Entscheidern ist dabei essentiell. Sind Dritte dazwischen geschaltet, z.B. eine Assistentin oder eine Agentur, wird es unnötig kompliziert und zieht sich in die Länge.

An dieser Stelle noch ein Achtung: wenn das Bild ein Herzensprojekt der Marketing- oder Personalabteilung ist, aber der CEO nicht dahinter steht, kämpft man meist vergebens mit einem firmeninternen Konflikt und kommt zu keinem befriedigenden Ergebnis.

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Ein Visionsbild ist das Ergebnis eines Prozesses

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Um ein Visionsbild zeichnen zu können, müssen viele Fragen beantwortet werden (siehe Punkt 2). Oft findet dabei beim Kunden ein Prozess der internen Synchronisierung statt. Ich stelle eine Frage, einer antwortet und ein anderer sagt: „Aber nein, ich sehe das anders.“ Spätestens bei der ersten Skizze holt mich diese Wirklichkeit ein. Ich nenne dies die Katharsis, die Reinigung von verbalen firmeninternen Missverständnissen.

Das ist gut so und nicht überraschend, denn das erste Mal sind alle Details der Vision auf einen Blick sichtbar. Was vorher nur vage und missverständlich im Raum und in den Gedanken schwebte, wird sichtbar und konkret (siehe Punkt 2). Daher ist dieser Prozess parallel zur Bildentstehung so wichtig und entscheidend.

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Ein Visionsbild ist keine Illustration, sondern eine Übersetzung

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Texte zu Visionen, Missionen, Strategien und Werten sind meist sehr knapp gehalten. Sie sind das Ergebnis einer langen firmeninternen Diskussion und ein Konzentrat aus vielen Stunden Workshop.

Jetzt wird es kompliziert: Als Zeichner war ich meist nicht Teil der Diskussion, soll aber mit dem Bild mehr sagen, als die vorhandenen kurzen Texte. Das Bild soll sie erläutern und verständlich machen. Es soll sie so übersetzen, dass jeder in der Firma sie versteht.

Ein ausführliches Briefing ist daher unabdingbar. Im Idealfall ist der Zeichner von Anfang an dabei und kann den Prozess begleiten bzw. unterstützen. Ich persönlich bevorzuge mittlerweile einen kleinen Tages-Workshop als Briefing. Und kann damit die Punkte 2-4 abhaken.

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Ein Visionsbild muss eine Geschichte erzählen

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Geschichten sind selbst in der modernen Zeit das Mittel der Wahl, um abstrakte Informationen verständlich und wiedererzählbar zu gestalten. Eine Geschichte hat einen Beginn, einen Mittelteil und ein Ende. Alles hängt voneinander ab. Nichts kann weggelassen werden, sonst funktioniert die Geschichte nicht mehr.

Es ist daher hilfreich, die Vision als Geschichte zu erzählen und zwar so spannend und so einfach wie möglich. Wenn alle Bestandteile aus Vision, Mission, Strategie und den Werten eine in sich geschlossene Geschichte ergeben, ist das Ziel erreicht. Die Vision lebt und nimmt ihren Platz in den Köpfen und Herzen der Mitarbeitenden ein.

Für mich kommt das Finden der passende Geschichte noch vor dem ersten Strich. Mit den Jahren habe ich gelernt, dass die erste Skizze viel leichter fällt, wenn die zugrunde liegende Story stimmt.

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Ein Visionsbild braucht eine klare Erzählstruktur

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Hier unterscheiden sich Wimmelbilder von Visionsbildern. Wimmelbilder stellen das pralle Leben einer Situation dar: je mehr passiert, umso besser, aber vieles steht in keinem Bezug zu einander.

In einem Visionsbild hat jede Figur, jede Farbe, jede Position eine Bedeutung. Alles erzählt etwas. Im Bild gibt es einen Anfang und ein Ende. Das Bild ist vom Aufbau genau geplant und das Layout ist die Wiedergabe der Erzählstruktur.

Daher muss – wie schon in Punkt 6 – zuerst die Geschichte stimmen, dann kommt das Bild. Nach dem gleichen Schema wurden früher die Kirchenbilder geschaffen. Nur dass damals die Geschichten schon fertig aus der Bibel kamen.

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Ein Visionsbild funktioniert am besten als Metapher

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Schon immer verwenden wir Metaphern, um neue Inhalte verständlich zu machen. Herr Meier (mit dem Namen wird hier wird keine Bild generiert) sieht aus wie der typische Buchhalter (hier wird ein Bild generiert). Jetzt wissen alle, wie Herr Meier wohl aussieht, ohne dass er im Detail beschrieben wurde.

Wir verwenden laufend Metaphern in der täglichen Sprache, ohne uns dessen bewusst zu sein. Wenn der Chef sagt, vor uns liegen Herausforderungen, die sind kein Spaziergang im Park, sondern eher mit der Besteigung des Mount Everest zu vergleichen, dann wissen die Mitarbeitenden, was sie zu erwarten haben: Es wird anstrengend.

Mit Metaphern wird der unbekannte neue Raum der zu erreichenden Vision zu einem vertrauten Raum. Es muss keine Bergbesteigung oder eine Schiffsreise sein. Mit etwas Kreativität findet sich immer die passende Metapher.

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Ein Visionsbild braucht maximale Beteiligung

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Natürlich ist es am einfachsten, wenn das Visionsbild zu Beginn nur von einem kleinen Gremium erarbeitet wird. Da es aber die gesamte Belegschaft ansprechen soll, sollte im Verlauf der Bildentstehung das gesamte Team auch ein Mitspracherecht bekommen.

Das Team muss nicht zwingend von Anfang an dabei sein, aber sobald die Skizze die Geschichte gut wiedergeben kann, sollte man sich an die Mitarbeiter wenden und sie um ihre Meinung dazu fragen. Und über dieser Art der Einbindung haben sie sich dazu viel intensiver mit der Vision beschäftigt als es sonst je der Fall gewesen wäre: Eindeutig eine Win-Win-Situation.

Oft gibt es mit dem Feedback im Bild signifikante Änderungen. Nicht so sehr an der zugrunde liegenden Story, aber an den Details in der Darstellung. Und die können entscheidend sein (siehe Punkt 9).

Wenn die Mitarbeitenden dann ihre Vorschläge im finalen Bild wiederfinden, werden sie automatisch zu dessen Botschaftern.

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Ein Visionsbild muss viele Details und auch Humor enthalten

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Warum sind Kinder von Wimmelbildern so fasziniert? Weil es immer etwas Neues zu entdecken gibt. Dieses Muster funktioniert auch bei Visionsbildern. Gerade die Details sind es, die das Visionsbild so typisch für die Firma machen. Hier bin ich immer auf die Hilfe der Mitarbeitenden angewiesen (siehe Punkt 8).

Gleichzeitig sollten die Details mit Humor gewürzt werden. Dann macht es Spaß, diese Bilder zu betrachten und sie auch gemeinsam anzusehen. Spielerisches Betrachten funktioniert immer. Humor ist der Kleber fürs Gehirn, um sich die Inhalte des Bildes zu merken.

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Ein Visionsbild sollte in Abschnitten erzählt werden

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In den Visionsbildern sind in der Regel so viele Details enthalten, dass sie die Mitarbeitenden überfordern, wenn sie das Bild zum ersten Mal in seiner ganzen Fülle zu sehen bekommen.

Daher ist es von Vorteil, wenn das Bild parallel zur Erzählung aufgebaut wird und das ganze Bild erst am Ende zu sehen ist. Die moderne Technik macht es möglich. So können sich die Mitarbeitenden immer auf die aktuell wichtige Aussage in der Erzählung konzentrieren, ohne sich in der Detailfülle zu verlieren.

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Ein Visionsbild muss aktiv betrachtet werden

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Dieser Punkt ist entscheidend für den langfristigen Erfolg der Transformation, die eine Vision zwangsläufig bedeutet. Das Bild aufzuhängen und zu hoffen, dass sich daraus automatisch die Veränderung im Alltag ergibt, ist ein Trugschluss.

Das Bild muss aktiv von den Führungskräften immer wieder herangezogen und diskutiert werden. Es muss Teil jeder Mitarbeiterversammlung, jedes Kick-off und jedes Jahreszielgesprächs sein. Es muss Teil eine kritischen Reflektion mit den erreichten und nicht erreichten Zielen sein, denn nur so bleibt es authentisch und lebt.

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Ein Visionsbild muss nach einer Weile angepasst werden

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Wir leben in volatilen Zeiten. Was heute gültig ist, kann morgen schon verworfen sein. Wird das Visionsbild angepasst, ist es ein sichtbares Zeichen für die Mitarbeitenden, dass sich etwas geändert hat. Und dass die Firma es auch ernst mit der Veränderung meint. Mehr Sichtbarkeit geht nicht.

Erstmals nach einem halben Jahr, spätestens nach einem Jahr, sollte man wieder einen gemeinsamen Blick darauf werfen.

Von Dr. Wolfgang Irber

Wolfgang Irber ist Experte für Visualisierung aus Neubeuern bei Rosenheim. Er berät Unternehmen zu ihrer Vision, leitet Visionsworkshops und zeichnet daraus große Bilderwelten für die interne Kommunikation. Auf Blog, LinkedIn und Instagram berichtet er regelmäßig über seine Erfahrungen. Sein Motto: "Mit einem Bild vor Augen sieht man mehr."