Die künstliche Intelligenz erobert die Welt und scheint in jedem Winkel einen Ersatz für etablierte Arbeitsmethoden und menschliche Intelligenz anzubieten.
Wird sie auch die Live-Zeichnung aka Graphic Recording auf Veranstaltungen und Strategieworkshops ersetzen oder kann sie als wertvolles Tool in Ergänzung genutzt werden?
Ein Überblick.
1. Wo die KI Vorteile bietet
Kosten und Skalierbarkeit
KI ist attraktiv, weil sie sehr schnell und ohne große Kosten viele visuelle Varianten erzeugen kann: Key Visuals, Sketchnote-ähnliche Zusammenfassungen, Social-Media-Kacheln, Workshop-Dokumentationen oder alternative Stile. Unternehmen, die gerade sparen, sehen darin einen klaren Effizienzvorteil.
Gleichzeitig zeigt sich auch in anderen Branchen, dass KI stark für Marketing-, Content- und Automatisierungsaufgaben eingesetzt wird, weil Kosten und Geschwindigkeit zentrale Treiber sind. In der Filmproduktion sind KI-generierte Videoclips derzeit ein großes Thema: fast gleiche Qualität zu einem Bruchteil der Kosten.
Das unten stehende Bild wurde innerhalb von 1 Minute mit einem kurzen Prompt generiert und nicht weiter überarbeitet.

Geschwindigkeit nach dem Event
Wenn ein Workshop transkribiert oder protokolliert wurde, kann KI daraus sehr schnell Zusammenfassungen und erste Visualisierungsideen erzeugen. Das ist besonders nützlich für die Post-Production: Ergebnisposter, Slides, One-Page oder interne Kommunikationsmaterialien.
Stilvielfalt
KI kann flexibel zwischen verschiedenen visuellen Stilen wechseln: Comic, Business-Illustration, Whiteboard-Stil, Infografik, Flat Design, Storyboard, Metaphernbild. Das ist etwas, was ein einzelner Mensch live nur begrenzt leisten kann.
Aber: bisher ist es immer sofort erkennbar, wenn die KI ein gezeichnetes Bild generiert und vermehrt auf immer geringere Akzeptanz stößt.
Die Bildersequenz unten wurde niedrigschwellig mit immer dem gleichen Basis-Prompt in Microsoft Designer (GTP-4.0 mit DALL-E) erzeugt. Nur beim Stil habe ich leicht variiert. Gesamtzeitaufwand: 5 Minuten. Ein gewisser Hang zur Dramatik ist unverkennbar, aber das liegt sicher am verfügbaren Lernmaterial im WWW, das bei „Comic-Style“ wahrscheinlich auf Marvel-Comics basiert. In einem der vier Bilder ist auch ein gravierender zeichnerischer Fehler enthalten. Sehen Sie ihn? In einem anderen Bild wurde aus dem geforderten Bleistift wieder ein Degen.




Niedrige Einstiegsschwelle
Für Teams bedeutet die KI ein leichten Zugang zu einer unendlichen Vielfalt an Visualisierungen. Mitarbeitende ohne jegliche Zeichenfähigkeit können Ideen visualisieren lassen, Prototypen erzeugen oder Workshop-Ergebnisse optisch aufwerten. Das demokratisiert visuelle Kommunikation und macht sie für ein breites Publikum zugänglich.
Wiederverwertbarkeit und Variantenproduktion
KI kann aus einem Thema sehr schnell mehrere Formate machen: ein großes Strategiebild, drei Social Posts, eine Präsentationsfolie, ein Icon-Set, ein Change-Narrativ oder ein Erklärbild. Gerade für die Kommunikation nach dem Event ist das ein echter Vorteil.
Entlastung bei Routineaufgaben
Wo die KI wirklich hervorragende Arbeit leistet, ist bei sehr arbeitsintensiven Tätigkeiten, wo es eher auf Schnelligkeit, denn auf kreative Spitzenleistung ankommt. Die KI könnte hier die Rolle eine wertvollen Produktionsassistenten einnehmen:
- Rohzusammenfassungen aus Transkripten
- Clustering von Aussagen
- Formulierung von Überschriften
- Entwicklung visueller Metaphern
- Erstellung erster Layoutideen
- Varianten für Zielgruppenkommunikation
2. Wo die KI Nachteile hat
KI hört nicht wirklich „situativ“ im Raum
Ein guter Graphic Recorder hört nicht nur Inhalte, sondern auch Zwischentöne: Wer ringt mit wem? Wo entsteht Energie? Was wird vermieden? Welche Aussage war politisch heikel, aber wichtig?
KI kann Transkripte analysieren – aber sie liest Gruppenenergie, Machtverhältnisse, Unsicherheit, Humor oder Körpersprache nur sehr eingeschränkt. Noch hat die KI kein Gefühl für den Raum.
Fehlende menschliche Legitimation
Live Graphic Recording hat eine wichtige soziale Funktion: Menschen sehen, dass ihre Beiträge gehört und wertgeschätzt werden. Das Bild ist nicht nur Dokumentation, sondern ein gemeinsam erlebter Prozess, zu sehen als Big Picture. Seht her: Das haben wir heute gemeinsam geschafft.
Eine KI-Grafik nach dem Workshop kann aufgrund der Entstehungsgeschichte nicht dieselbe emotionale Wirkung haben. Technisch-inhaltlich ist die Zusammenfassung vielleicht gleichwertig, in der emotionalen Ausstrahlung dagegen nicht.
Gefahr von oberflächlicher Ästhetik
KI produziert in atemberaubender Geschwindigkeit „schöne Bilder“. Aber schöne Bilder sind nicht automatisch gute Bilder. Graphic Recording lebt von der Auswahl: Was ist wirklich wichtig? Was kann weg? Welche Metapher ist für die Strategie wertvoll? Welche Begriffe sind im Unternehmen von Nutzen?
Genau diese Verdichtung komplexer Inhalte in ein verständliches, erinnerbares Bild ist derzeit nur mit viel menschlichem Gespür zu schaffen.
Fehler, Halluzinationen und falsche Gewichtung
KI kann Aussagen falsch zusammenfassen, zugegeben wie auch der Mensch. Aber Prioritäten verschieben oder Dinge ergänzen, die so nicht gesagt wurden, halluzinieren und ohne schlechtes Gewissen frei dazu erfinden, das macht nur die KI.
Bei harmlosen Kreativbildern ist das verkraftbar; bei Strategie, Kultur-Transformation Change-Kommunikation kann es gefährlich werden.
Datenschutz und Vertraulichkeit
Gerade Business-Workshops enthalten oft viele sensible Informationen: Strategien, Namen, Konflikte, Finanzzahlen oder Personalthemen. Wenn solche Inhalte in externe KI-Tools eingegeben werden, kann das Datenschutz- und Vertraulichkeitsrisiken auslösen.
Fachquellen weisen darauf hin, dass personenbezogene Daten in Prompts unter die DSGVO fallen können und Unternehmen Auftragsverarbeitung, Rechtsgrundlage und Schutzmaßnahmen klären müssen.
Urheberrecht und Nutzungsrechte bleiben unsicher
Bei KI-generierten Bildern ist die Rechtslage nicht trivial. In den USA wird etwa reine KI-Erzeugung ohne menschliche Autorenschaft nicht als urheberrechtlich schutzfähig behandelt; zugleich laufen und liefen Verfahren zur Frage, ob Trainingsdaten urheberrechtlich problematisch verwendet wurden.
Für Unternehmen heißt das: KI-Bilder können praktisch nutzbar sein, aber bei Markenkommunikation, Kampagnen oder externen Veröffentlichungen sollte die Rechtekette sauber geprüft werden.
Neue Transparenzpflichten in der EU
Ab 2. August 2026 gelten im Rahmen des EU AI Act Transparenzpflichten für bestimmte KI-Systeme und KI-generierte Inhalte; die EU-Kommission beschreibt insbesondere Kennzeichnung, Erkennbarkeit und Labeling von KI-generiertem Content als Teil von Artikel 50.
Das bedeutet: Unternehmen müssen künftig genauer wissen, wann und wie KI-generierte Inhalte gekennzeichnet werden müssen – besonders bei synthetischen Bildern, Texten, Deepfakes oder öffentlich informierenden Inhalten.
3. Wann KI sinnvoll ist – und wann der Mensch
KI reicht oft aus, wenn:
- eine erste, schnelle und kostengünstige Visualisierung wichtig ist
- das Ergebnis eher dekorativ oder kommunikativ ist
- der Inhalt bereits sauber dokumentiert ist
- keine sensiblen Daten enthalten sind
- keine echte Gruppeninteraktion nötig ist
Ein Mensch ist klar überlegen, wenn:
- der Workshop strategisch, politisch oder emotional anspruchsvoll ist
- Menschen sich sichtbar gehört fühlen sollen
- Konflikte oder unausgesprochene Themen dezent sichtbar werden müssen
- das Bild ein wichtiger Teil des Veränderungsprozesses ist
- live über das Bild Sinn, Fokus und gemeinsame Sprache entstehen sollen
- das Ergebnis im Bild intern Akzeptanz erzeugen muss
4. Fazit
KI ist ein starker Ersatz für die schnelle Produktion, aber ein schwacher Ersatz für die einfühlsame, zwischen den Zeilen lesende und wertschätzende Bilderstellung als Ergebnis einer Gruppenarbeit.
Ki wird das live gezeichnete Bild dort verdrängen, wo Kunden nur ein hübsches und schnell generiertes Ergebnisbild wollen. Das ist in vielen Fällen auch legitim und wird eine Demokratisierung in der Bilderstellung bedeuten.
Die KI ist jedoch deutlich schwächer dort, wo das live gezeichnete Bild als soziales, strategisches und moderierendes Instrument genutzt werden soll. Hier leistet ein guter Graphic Recorder einen Mehrwert, den ich derzeit über die KI noch nicht erfüllbar sehe.


