Die meisten Visionen scheitern nicht an der Idee. Sie scheitern daran, dass sie niemand wirklich akzeptiert.
Sie hängen in Fluren, stehen auf Webseiten und tauchen in Präsentationen auf. Aber im Alltag spielen sie keine Rolle.
Und das hat einen einfachen Grund: Visionen werden häufig „top-down“ für die Belegschaft formuliert – aber nicht mit ihnen. Doch was passiert, wenn man das Prinzip umdreht?
Ein Perspektivwechsel, der alles verändert
In einem Projekt, das ich 2018 visuell begleitete, stand genau diese Frage im Raum: Wie entsteht eine Vision, die nicht nur verstanden wird, sondern den Alltag verändert?
Normalerweise hätte es diesen klassischen Top-Down-Ablauf gegeben:
- Workshop mit Führungskräften
- Leitbild formulieren
- Kommunizieren.
Stattdessen wurde der Prozess vom CEO geöffnet: Die Vision sollte von innen entstehen, das Team spielte die Hauptrolle. Bottom‑Up nicht Top‑down.
- Workshop mit Vertretern aller Mitarbeitenden
- Leitbild formulieren
- Kommunizieren
Das Ziel war nicht eine „bessere Formulierung“. Das Ziel war echte Identifikation mit den Inhalten.

Der entscheidende Unterschied: Beteiligung statt Abstimmung
Viele Organisationen glauben, sie würden beteiligen, doch tatsächlich lassen sie oft nur abstimmen:
- Ideen werden gesammelt
- Entscheidungen trotzdem oben getroffen
- Ergebnisse „zurückkommuniziert“
Das fühlt sich für Mitarbeitende schnell an wie: „Wir durften zwar mitreden, aber nicht mitgestalten.“
Ein echter partizipativer Ansatz funktioniert so:
- Perspektiven werden sichtbar gemacht
- Widersprüche werden zugelassen
- Konstruktive Vorschläge entstehen aus der Gruppe heraus
Die Vision entwickelt sich aus der Mitte der Belegschaft.

Wie aus vielen Perspektiven ein gemeinsames Zukunftsbild wird
Angestoßen wurde der Prozeß zuerst als allgemeines Brainstorming von einer Handvoll ausgewählten Vertretern der Belegschaft. Die weiter und finale Ausarbeitung fand dann mit einer weltweiten Auswahl an rund 70 Teammitgliedern statt, die für zwei Tage in einem Hotel bei Zürich zusammenkamen. Diese 70 Personen standen repräsentativ für die insgesamt 700 Beschäftigten weltweit.
Der Prozess folgte einer klaren Dramaturgie:
1. Realität sichtbar machen
Was prägt die Organisation heute wirklich? Wichtig ist nicht das, was im Leitbild steht, sondern das, was heute gelebt wird.
2. Perspektiven öffnen
Unterschiedliche Rollen, Teams und Ebenen bringen ihre Sicht ein. Oft wird hier zum ersten Mal sichtbar, wie unterschiedlich „die gleiche Organisation“ wahrgenommen wird.
3. Spannungen bewusst aufzeigen
Wo entstehen Reibung, Konflikte, Widersprüche? Genau hier liegt das größte Potenzial. Denn, eine Vision entsteht nicht aus Harmonie, sondern aus konstruktiver Spannung.
4. Zukunftsszenarien entwickeln
Nicht als PowerPoint‑Text, sondern als konkrete, vorstellbare Szenarien, die sich im Arbeitsalltag wiederfinden:
- Wie arbeiten wir zusammen?
- Wie treffen wir Entscheidungen?
- Wie erleben die Kunden uns?
Klare Szenarien und Bilder statt unklarer Buzzwords.
5. Verdichten statt bewerten
Statt sofort zu entscheiden, werden Ideen gesammelt, kombiniert, verdichtet. So entstehen gemeinsame Grundlagen für:
- wiederkehrende Themen und Muster
- gemeinsame Wünsche
- erste Ideen für eine gemeinsame Richtung
6. Gemeinsames Ziel formulieren
Erst jetzt wird die Vision greifbar: Nicht weil jemand sie konkret formuliert hat, sondern weil viele sie bereits als das Ergebnis des Prozesses gesehen haben. Intuitiv war sie mittlerweile da, sie musste „nur“ noch formuliert werden.
7. Als Zukunftsbild für alle sichtbar machen
Hier kommt der entscheidende Schritt: Die Vision wird visualisiert. Warum? Weil Bilder Komplexität reduzieren, Überblick schaffen und Emotion erzeugen.
Und genau das braucht eine Vision, um zu wirken.

Was dabei entsteht, und warum es wirkt
Der größte Unterschied zeigt sich nicht im Ergebnis auf dem Event, sondern im Verhalten danach im Arbeitsalltag:
Eine klassische Vision wird zwar verstanden, ist aber nicht relevant, sie wird akzeptiert, aber nicht gelebt.
Mit der visualisierten Bottom‑up‑Vision bleibt sie emotional verankert, wird aktiv genutzt und ist in Gesprächen präsent. Der Effekt: Die Vision wird Teil der täglichen Entscheidungen. Selbst heute, nach 8 Jahren, wird das Bild immer noch genutzt.
Warum dieser Ansatz entscheidend ist
Viele Führungskräfte stehen heute vor der gleichen Herausforderung. Sie sollen die Transformation beschleunigen, Orientierung geben und die Menschen mitnehmen.
Eine Vision soll all das leisten. Doch sie kann es nur, wenn sie nicht „verordnet“, sondern „angenommen“ wird.
Der Bottom‑up‑Ansatz ist damit kein „nice to have“. Er ist eine Antwort auf ein zentrales Führungsproblem:
Wie entsteht Klarheit in komplexen Organisationen?

Fazit: Die stärksten Visionen kommen nicht von oben
Eine Vision, die von oben formuliert wird, kann richtig sein. Aber sie bleibt oft fremd.
Eine Vision, die von innen entsteht, ist vielleicht weniger perfekt formuliert, aber sie ist von der Mehrheit getragen.
Und genau das macht den Unterschied. Nicht die Formulierung entscheidet über die Wirkung, sondern der Weg dorthin und wie das Ergebnis danach gelebt wird.
Und welche Rolle hat die Visualisierung gespielt?
Die Visualisierung war der rote Faden im gesamten Change-Prozess. Sie hat Diskussionen in klare, greifbare Bilder übersetzt. So wurde die Komplexität reduziert und gemeinsames Verständnis geschaffen.
Vom ersten Scribble bis zum finalen Visionsbild diente sie als gemeinsamer Referenzpunkt, an dem sich alle ausrichten konnten. Wichtig war dabei nicht nur das Ergebnis, sondern der Prozess: Weil das Bild über mehrere Zwischenschritte gemeinsam entwickelt wurde, entstand echte Identifikation mit dem Bild und dessen Botschaften. Jeder wußte, welche kleine Szene im Bild für was steht.



Im Rollout wurde die Illustration schließlich zum zentralen Träger der Vision – digital, räumlich und weltweit sichtbar verankert. Bis heute.
So haben die Zeichnungen Klarheit geschaffen und Licht ins Dickicht der vielen Worte gebracht.


