Kategorien
Leadership

Wie ein Unternehmen mit 700 Mitarbeitern seine eigene Vision erstellt hat

Es gibt viele Möglichkeiten, zu einer neuen Vision zu kommen. In diesem Beispiel stieß der CEO den Veränderungsprozess nur an und die Mitarbeiter erstellten die Vision: Bottom-Up.

Die meisten Visionen scheitern nicht an der Idee. Sie scheitern daran, dass sie niemand wirklich akzeptiert.

Sie hängen in Fluren, stehen auf Webseiten und tauchen in Präsentationen auf. Aber im Alltag spielen sie keine Rolle.

Und das hat einen einfachen Grund: Visionen werden häufig „top-down“ für die Belegschaft formuliert – aber nicht mit ihnen. Doch was passiert, wenn man das Prinzip umdreht?

Ein Perspektivwechsel, der alles verändert

In einem Projekt, das ich 2018 visuell begleitete, stand genau diese Frage im Raum: Wie entsteht eine Vision, die nicht nur verstanden wird, sondern den Alltag verändert?

Normalerweise hätte es diesen klassischen Top-Down-Ablauf gegeben:

  1. Workshop mit Führungskräften
  2. Leitbild formulieren
  3. Kommunizieren.

Stattdessen wurde der Prozess vom CEO geöffnet: Die Vision sollte von innen entstehen, das Team spielte die Hauptrolle. Bottom‑Up nicht Top‑down.

  1. Workshop mit Vertretern aller Mitarbeitenden
  2. Leitbild formulieren
  3. Kommunizieren

Das Ziel war nicht eine „bessere Formulierung“. Das Ziel war echte Identifikation mit den Inhalten.

Der entscheidende Unterschied: Beteiligung statt Abstimmung

Viele Organisationen glauben, sie würden beteiligen, doch tatsächlich lassen sie oft nur abstimmen:

  • Ideen werden gesammelt
  • Entscheidungen trotzdem oben getroffen
  • Ergebnisse „zurückkommuniziert“

Das fühlt sich für Mitarbeitende schnell an wie: „Wir durften zwar mitreden, aber nicht mitgestalten.

Ein echter partizipativer Ansatz funktioniert so:

  • Perspektiven werden sichtbar gemacht
  • Widersprüche werden zugelassen
  • Konstruktive Vorschläge entstehen aus der Gruppe heraus

Die Vision entwickelt sich aus der Mitte der Belegschaft.

Wie aus vielen Perspektiven ein gemeinsames Zukunftsbild wird

Angestoßen wurde der Prozeß zuerst als allgemeines Brainstorming von einer Handvoll ausgewählten Vertretern der Belegschaft. Die weiter und finale Ausarbeitung fand dann mit einer weltweiten Auswahl an rund 70 Teammitgliedern statt, die für zwei Tage in einem Hotel bei Zürich zusammenkamen. Diese 70 Personen standen repräsentativ für die insgesamt 700 Beschäftigten weltweit.

Der Prozess folgte einer klaren Dramaturgie:

1. Realität sichtbar machen

Was prägt die Organisation heute wirklich? Wichtig ist nicht das, was im Leitbild steht, sondern das, was heute gelebt wird.

2. Perspektiven öffnen

Unterschiedliche Rollen, Teams und Ebenen bringen ihre Sicht ein. Oft wird hier zum ersten Mal sichtbar, wie unterschiedlich „die gleiche Organisation“ wahrgenommen wird.

3. Spannungen bewusst aufzeigen

Wo entstehen Reibung, Konflikte, Widersprüche? Genau hier liegt das größte Potenzial. Denn, eine Vision entsteht nicht aus Harmonie, sondern aus konstruktiver Spannung.

4. Zukunftsszenarien entwickeln

Nicht als PowerPoint‑Text, sondern als konkrete, vorstellbare Szenarien, die sich im Arbeitsalltag wiederfinden:

  • Wie arbeiten wir zusammen?
  • Wie treffen wir Entscheidungen?
  • Wie erleben die Kunden uns?

Klare Szenarien und Bilder statt unklarer Buzzwords.

5. Verdichten statt bewerten

Statt sofort zu entscheiden, werden Ideen gesammelt, kombiniert, verdichtet. So entstehen gemeinsame Grundlagen für:

  • wiederkehrende Themen und Muster
  • gemeinsame Wünsche
  • erste Ideen für eine gemeinsame Richtung

6. Gemeinsames Ziel formulieren

Erst jetzt wird die Vision greifbar: Nicht weil jemand sie konkret formuliert hat, sondern weil viele sie bereits als das Ergebnis des Prozesses gesehen haben. Intuitiv war sie mittlerweile da, sie musste „nur“ noch formuliert werden.

7. Als Zukunftsbild für alle sichtbar machen

Hier kommt der entscheidende Schritt: Die Vision wird visualisiert. Warum? Weil Bilder Komplexität reduzieren, Überblick schaffen und Emotion erzeugen.

Und genau das braucht eine Vision, um zu wirken.

Was dabei entsteht, und warum es wirkt

Der größte Unterschied zeigt sich nicht im Ergebnis auf dem Event, sondern im Verhalten danach im Arbeitsalltag:

Eine klassische Vision wird zwar verstanden, ist aber nicht relevant, sie wird akzeptiert, aber nicht gelebt.

Mit der visualisierten Bottom‑up‑Vision bleibt sie emotional verankert, wird aktiv genutzt und ist in Gesprächen präsent. Der Effekt: Die Vision wird Teil der täglichen Entscheidungen. Selbst heute, nach 8 Jahren, wird das Bild immer noch genutzt.

Warum dieser Ansatz entscheidend ist

Viele Führungskräfte stehen heute vor der gleichen Herausforderung. Sie sollen die Transformation beschleunigen, Orientierung geben und die Menschen mitnehmen.

Eine Vision soll all das leisten. Doch sie kann es nur, wenn sie nicht „verordnet“, sondern „angenommen“ wird.

Der Bottom‑up‑Ansatz ist damit kein „nice to have“. Er ist eine Antwort auf ein zentrales Führungsproblem:

Wie entsteht Klarheit in komplexen Organisationen?

Fazit: Die stärksten Visionen kommen nicht von oben

Eine Vision, die von oben formuliert wird, kann richtig sein. Aber sie bleibt oft fremd.

Eine Vision, die von innen entsteht, ist vielleicht weniger perfekt formuliert, aber sie ist von der Mehrheit getragen.

Und genau das macht den Unterschied. Nicht die Formulierung entscheidet über die Wirkung, sondern der Weg dorthin und wie das Ergebnis danach gelebt wird.

Und welche Rolle hat die Visualisierung gespielt?

Die Visualisierung war der rote Faden im gesamten Change-Prozess. Sie hat Diskussionen in klare, greifbare Bilder übersetzt. So wurde die Komplexität reduziert und gemeinsames Verständnis geschaffen.

Vom ersten Scribble bis zum finalen Visionsbild diente sie als gemeinsamer Referenzpunkt, an dem sich alle ausrichten konnten. Wichtig war dabei nicht nur das Ergebnis, sondern der Prozess: Weil das Bild über mehrere Zwischenschritte gemeinsam entwickelt wurde, entstand echte Identifikation mit dem Bild und dessen Botschaften. Jeder wußte, welche kleine Szene im Bild für was steht.

Im Rollout wurde die Illustration schließlich zum zentralen Träger der Vision – digital, räumlich und weltweit sichtbar verankert. Bis heute.

So haben die Zeichnungen Klarheit geschaffen und Licht ins Dickicht der vielen Worte gebracht.

Weitere Blogeinträge zum Thema Vision und Strategie

Mit wenigen Strichen zum Wesentlichen – oder warum Führungskräfte mehr skizzieren sollten
Das Skizzenbuch als "schnelles" und überall verfügbares Trainingsgerät für Wahrnehmung, Konzentration und …
Der Stift als Schlüssel zu klarer Führung
Warum Führungskräfte mehr mit dem Stift arbeiten und weniger präsentieren sollten. Denn …
Wie Führungskräfte von Visualisierung und klaren Bildern profitieren
Vier Beispiele, in denen eine Visualisierung Führungskräfte in ihrer Arbeit sichtbar unterstützte …
Visualisierung einer Firmen-Vision: wie ein Bild die Strategie erzählt
Wenn Unternehmen ihre Vision neu ausrichten, stehen Führungskräfte vor einer zentralen Herausforderung: …
12 Erfahrungswerte für ein überzeugendes Visions- oder Strategiebild
Ein Rückblick aus 15 Jahren der Erstellung von Visionsbildern mit meinen persönlichen …
Die Kraft von Storytelling für Unternehmens-Visionen
Eine Vision muss als Geschichte in Wort und Bild erzählt werden muss. …

Von Dr. Wolfgang Irber

Ich unterstütze Unternehmen dabei, ihre Ideen sichtbar zu machen, indem ich Veränderungsprozesse begleite und großformatige Visionsbilder für die Kommunikation entwickle. Zusammen mit meiner Frau lebe ich in Neubeuern bei Rosenheim.