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Sinn und Unsinn von Graphic Recording: ist das Information oder ist das Kunst?

24. Dezember 2018

Ein Plädoyer für mehr Übersichtlichkeit

Mittlerweile sieht man sie sehr oft auf Tagungen. Menschen mit großen Papierbahnen, die neben dem Geschehen stehen und Strich für Strich große Poster erzeugen: meterweise bunte Bilder, Kombinationen aus Text und Illustration.

Screenshot-von-Graphic-Recording-Google

Artikel erscheinen darüber in Zeitungen, und immer mehr Tagungsorganisatoren wünschen sich ebenfalls ein Graphic Recording. Weil es interessant aussieht und modern ist. Keine Frage: Graphic Recording auf Tagungen ist gefragt. Wir als Graphic Recorder sind Teil eines Trends. Doch ist es nur ein kurzfristiger Trend, ein Hype, oder etabliert sich hier ein neuer Standard für Tagungen ähnlich dem Eventfotographen?

Ist Graphic Recording ein Hype oder hat es Zukunft?

Der Sinn von Graphic Recording

Knoten-im-Taschentuch
Das Graphic Recording ist wie ein Knoten im Taschentuch

Über die Kommentare, die ich von Tagungsteilnehmern erhalte, steht es ausser Frage: für sie sind die Bilder wertvolle Gedächtnisstützen, wie Knoten im Taschentuch, die sofort Erinnerungen an das Event und seine Inhalte wachrufen; eine weitere und wertvolle Perspektive auf die vielen Inhalte einer Konferenz. Kein Protokoll im herkömmlichen Sinn, aber mit mehr Spaß anzusehen. Und wird während des Tages mehrfach im Rahmen der Agenda auf das Bild hingewiesen, erfährt es seinen Platz, wird von den Teilnehmern als wichtig erachtet und mit seinen Inhalten entsprechend verankert. Viel zur Wirkungsweise habe ich dazu im Menüpunkt „Wie funktioniert Graphic Recording und warum?“ geschrieben. Das macht Sinn.

Doch reicht „mehr Spaß“ für einen neuen Event-Standard mit Zukunft? Auf einer Tagung sind immer viele Menschen sehr von den Bildern begeistert, aber auch viele, die von den Bildern keine Notiz nehmen. Und damit komme ich zum Unsinn.

Der Unsinn von Graphic Recording

wo-ist-der-sinn-von-graphic-recording

Wimmelbild-Marathon?

Für viele wirken die Bilder faszinierend, aber doch chaotisch und schwer zu lesen: vollgepackt und wimmelig, meist ohne erkennbare Struktur und Zusammenhang, alle Gestaltungsgesetze ausblendend. Der Schwerpunkt liegt oft auf der Erstellung von Kunst und weniger auf der visuell klaren Übermittlung von Information. Auf manchen Veranstaltungen wird fast ein Marathon veranstaltet und meterweise wimmelige Kunst erstellt, je mehr, desto besser. Natürlich sorgen sie für einen Wow-Effekt, machen neugierig, man geht auf Entdeckungsreise, aber vielen wäre oft ein normales Protokoll lieber. Zu schnell verliert man sich im Labyrinth des Gewusels. Kunst ist eben nicht leicht verdaulich.

Wer ist der Star: das Bild oder der Graphic Recorder?

Was mir oft auffällt: Tagungsteilnehmer sind mehr begeistert von der Leistung des Graphic Recorders, von der Person und dem Tun, als vom Ergebnis. Nicht das Bild steht im Vordergrund, sondern die „unglaubliche Leistung des Recordings“.  Natürlich nehmen war das wertschätzend zur Kenntnis, aber ist das der Zweck des Graphic Recordings?

Das ist doch nur Eventmickeymouse!

Kinderzeichnung für Erwachsene?

Immer öfter höre ich Kommentare wie „Kinderzeichnungen für Erwachsene„, „Eventmickeymouse„, „strukturlos„, „kann ich nichts mit anfangen„, „hübsch, aber sinnlos„, „am Anfang war es interessant, mittlerweile ist es langweilig„, „unleserlich„. Das ist es, was mir zunehmend mehr Tagungsteilnehmer erzählen, wie sie Graphic Recording wahrnehmen. Mit diesen Kommentaren muss man umgehen können und sie sind auch oft durchaus berechtigt. Ich hatte auch schon Kundenanfragen mit der Bedingung, „um Himmelswillen kein Wimmelbild mehr zu schaffen„. Persönlich sehe ich den kommunikativen Mehrwert meterlanger bunter Illustrationsexzesse als eher gering an. Ich denke, eine Ablehnung kommt hier vor allem von Menschen, die klare Sturkturen bevorzugen, die mehr Wert auf Ratio als auf Emotionalität legen.

Eventdekoration?

Wenn zudem das Graphic Recording nur so nebenbei herläuft und keine Einbindung in die Agenda erfährt, ja nicht einmal erwähnt wird, dann sind wir hier definitiv beim Unsinn angelangt. Graphic Recording ist Eventdekoration, Hauptsache ein paar bunte Bildchen. Wenn es nicht offiziell wertgeschätzt wird, wie soll es dann seinen Platz unter den Teilnehmern finden? Das hat auch den Namen Graphic Recording nicht mehr verdient, sondern sollte eher Eventillustration heißen. Natürlich hat auch das seine Berechtigung und wir können damit Geld verdienen, nur ist es eine andere Art der Dienstleistung. Nicht alles, wo ein Stift verwendet wird, ist oder kann Graphic Recording sein.

Wir sind keine Supermänner- und frauen!

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Der Sinn der großen Bilder ist es, aus der Flut an Worten komplizierte Inhalte reduziert und auf die Kernaussagen fokussiert wiederzugeben. Visuell klar zu informieren und nicht zu verwirren. Den Tagungsteilnehmern einen Weg durch den Dschungel an Worten zu zeigen.

Wie kann ich als Graphic Recorder im Moment wissen, was im Rückblick wichtig sein wird?

Und darin liegt genau das Problem: Wie kann ich als Graphic Recorder im Moment wissen, was im Rückblick wichtig sein wird? Gleichzeitig nicht genau wissend, was noch kommen wird; ausgeliefert einer Rede, einer Diskussion, einem Workshop, mehr oder weniger strukturiert. Selten sind wir ein Experte für die Materie. Damit ergibt sich automatisch eine mehr oder weniger chaotische Wimmelstruktur. Wäre es anders, wären wir alle Superfrauen und -männer. Natürlich hilft einem die Erfahrung dabei, die Struktur zu finden, aber es ist unmöglich, in die Zukunft zu blicken. Dazu kommt: ein gut gegliederter Vortrag oder ein gut moderierter Workshop werden auch ein gut geliedertes Graphic Recording. Meist hat man es aber eher mit weniger gut gegliederten Vorträgen zu tun und Workshops sind schon für die Moderation eine fast unlösbare Herausforderung.

Die Zeit ist immer zu knapp!

Wie oft muss ich nach der Rede oder der Plenumspräsentation auf die Minute fertig sein? Keine Zeit mehr für eine kleine Nachbearbeitung. Gut Ding braucht Weil, hieß es schon in der Vergangenheit und es gilt auch noch heute. Aber es ist, wie es ist. Wenn die Zeit nicht vorhanden ist, muss ich das akzeptieren und mich darauf einstellen. Ich merke allerdings, dass die Recordings, für die ich ausreichend Zeit hatte, auch viel besser beim Publikum ankommen.

Was Kunden wollen und nicht wollen

Dann gibt es die unterschiedlichen Anforderungen von Kunden: Die einen wollen ein schönes Bild, möglichst bunt, möglichst viele Illustrationen, die Struktur ist egal, am liebsten kein Text, also Kunst. Andere Kunden wollen das Gegenteil: Informationsverdichtung und klare Kommunikation mit Zusatznutzen für die Zeit danach.

Unser Ego

Was es nicht einfacher macht, ist unser persönlicher Ehrgeiz als Graphic Recorder, möglichst große Bilder möglichst illustrativ mit möglichst vielen Details zu schaffen. Oft vergessen wir, wie andere das „lesen“ sollen, so begeistert sind wir von unserer Zeichnerei. Doch sind diese Bilder naturgemäß häufig unübersichtlich, denn weniger ist halt doch meist mehr. Stellen wir uns die Frage: Bin ich verspielter Illustrator oder Botschafter der klaren Information? Wo bleibt unsere Kundenorientierung?

Wie könnten Lösungen aussehen?

Lösungen

Kernaussagen vorab ermitteln?

Ideal wäre es, wir könnten uns mit jedem Vortragenden über seine Kernaussagen unterhalten. Leider funktioniert das in der Praxis aus organisatorischen Gründen oft schon nicht. Selbst die Durchsicht der Folien hilft nicht viel, denn gesagt wird gerne etwas ganz anderes oder die Schwerpunkte sind anders gesetzt. Bei Podiumsdiskussionen, Worskhops etc. würde dieses Vorgehen sowieso nicht funktionieren. Bei diesem Vorgehen besteht auch die Gefahr, nicht mehr objektiv das aufzunehmen, das gerade passiert, sondern zu versuchen, eine vordefinierte Meinung wiederzufinden und zu visualisieren.

Das Graphic Recording danach?

Eine andere Möglichkeit könnte es sein, nicht mehr live zu arbeiten, sondern mehr ein Post-Graphic Recording zu erstellen. Das habe ich auch schon ein paar Mal gemacht, und es wird in der Tat viel besser, aber es hat nicht mehr den Reiz der Live-Zeichnung, steht am Ende der Veranstaltung noch nicht zur Verfügung, und ist insgesamt viel mehr Arbeit. Die Inhalte müssen in der Rückschau bewertet und gefiltert werden. Ein 8 h-Tag wird dabei schnell zu einem 12 h-Tag und geht physisch an die Grenzen. Oder man liefert es sowieso erst Tage später, aber dann sind es auch mehr Kosten. Für Workshops ist es für mich in der Tag die einzig optimale Variante, aber selten zu verwirklichen.

Doch was immer möglich sein sollte: nach der Rede mit Farbe und weiteren illustrativen Tricks die Schwerpunkte zu definieren. Das Auge zu führen.

Eine sehr reizvolle und effektive Variante ist für mich das Analyzing Recording, das zwar reflektiv und nicht parallel arbeitet, aber noch auf der Veranstaltung zur Verfügung steht.

Zu zweit arbeiten?

Eine dritte Möglichkeit: man arbeitet zu zweit: der eine filtert die Inhalte, der andere konzentriert sich nur auf die Zeichnung. Das scheitert aber fast immer an den Kosten, könnte aber eine gute Lösung sein. Manchmal nutze ich den parallel laufen Twitterfeed und ziehe daraus die eine oder andere gute Aussage.

Fazit: es ist an der Zeit für Graphic Recording erwachsen zu werden

Ordnung-in-der-Unordnung

Graphic Recording per se ist live, und live enhält immer Unplanbares. Daher sehe ich derzeit keine praktikable Lösung, die alle Einsatzszenarien optimal abdecken kann. Live  wird damit mehr oder weniger wimmelig bleiben. Erst in der Rückschau kann ein wirklich effektives und strukturiertes Recording erstellt werden, aber das ist es kein Graphic Recording im klassischen Sinne mehr.

Kundenberatung und Vorbereitung

Daher ist die intensive Kundenberatung wichtig, was kann und soll mit dem Graphic Recording erreicht werden? Dazu kommt die Auseinandersetzung mit den Inhalten und der Zielsetzung. Eine gute Vorbereitung ist das A und O.

Wo ist das Feedback, das uns weiterbringt?

Ordnung in die Unordnung bringen: Selbstkritik

Auch können wir Graphic Recorder uns nur selbstkritisch an die eigene Nase fassen und versuchen, mehr Ordnung in die Unordnung zu bringen. Nie sehe ich, das wir selbst Kritik an unserer Arbeit und der von Kollegen üben. Wo ist das Feedback, das uns weiterbringt? Mal ehrlich: Nicht alles, was man mit Stift zu Papier bringt ist auch gut. Dabei gibt es genug Regeln, die wir beachten könnten (7 Kriterien für gutes Graphic Recording): Mit gut erkennbaren Überschriften arbeiten, Akzente mit großen Keyvisuals setzen, Farbe zur Orientierung und Gliederung verwenden, Typographie für die Leitung des Auges einzusetzen und die bekannten Gestaltungsgesetze so wenig wie möglich zu verletzen. Dann werden die negativen Kommentare weniger, wir können noch mehr Menschen begeistern und stellen Graphic Recording auf ein stabiles Fundament für die Zukunft. Denn es ist zu wertvoll, um es aufs Spiel zu setzen.

Graphic Recording ist eine junge Disziplin mit viel Potential für die Zukunft

Alles in allem, Graphic Recording ist immer noch eine sehr junge Disziplin und noch nicht aus den Kinderschuhen heraus. Ich bin gespannt, wie es sich weiterentwickeln wird und wie es aussieht, wenn es erwachsen ist.

Wolfgang Irber

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Wolfgang Irber

Business-Illustrator